Seit über 10 Jahren halten sich Theresa und Gerhard W. Hay in den Sommermonaten in Alaska auf, um Braun- und Schwarzbären zu beobachten. Bevorzugte Bärengebiete sind der Südosten Alaskas, der Beginn der Aleutenkette, das “Tal der 10.000 Rauchsäulen” mit seiner fremdartigen Mondlandschaft, der weltberühmte Katmai Nationalpark sowie die Insel Kodiak. Sämtliche Fotografien in diesem Beitrag stammen von Gerhard W. Hay.
An den Wasserfällen des kleinen Brooks Rivers wurde vor langer Zeit von den Rangern eine Plattform errichtet. Sie ist ähnlich wie ein Hochsitz, nur etwas größer. Von dort können Besucher, Tierfotografen und Tierfilmer ungestört das Treiben der Bären beobachten; auf der anderen Seite können sich die Bären, ungestört vom Menschen, ihrem Fischfang widmen.
Als wir endlich die schützende Plattform erreichen, bietet sich uns ein überwältigendes Bild: Zwölf Bären sind hier versammelt! Es herrscht ein reges Treiben und eine Vielzahl von Lachsen springt über die Wasserfälle, um flussaufwärts ihren Weg zu den Laichplätzen fortzusetzen.
Gleich links auf den Wasserfällen steht “Fisherman”, ein Bär, von beindruckender Standfestigkeit, den wir bereits von früheren Besuchen kennen. Er ist unglaublich geschickt im Lachsefangen. Kaum sind wir da, sehen wir, wie er sich, ohne ins Wanken zu geraten, einen hoch springenden Lachs im Fluge schnappt, sich langsam rückwärts gehend zurückzieht und den fetten Brocken ca. einen Meter neben dem besten Fangplatz verspeist.
Nach einiger Zeit erkennen wir, dass der Bär “Fisherman” eine “Fisherwoman” ist und zwar nicht nur an den fehlenden männlichen Attributen. Von der Waldseite her nähert sich unserem weiblichen “Fisherman” ein alter Bär mit einem unglaublich fetten Hinterteil. Es ist unschwer zu erkennen, dass dieser Bär, nennen wir ihn “Casanova”, nicht an den Lachsen interessiert ist, nein, er möchte zu Fisherwoman, seiner Auserkorenen, die aber nichts von ihm wissen will und sich viel lieber dem Fischen widmet. Geduldig bleibt “Casanova” an ihrer Seite und ignoriert sämtliche springenden Fische. Als “Fisherwoman” wieder einen Fang gelungen ist, geht sie zum Wald und ihr Verehrer trottet stoisch hinter ihr her. Ob sie dort ihren Fisch wohl ungestört verzehren kann? Nach geraumer Zeit kommen beide wieder aus dem Wald, er immer noch hinter ihr her. Nun ist ihr das Fischen auch vergangen und sie beschließt, flussabwärts zu ziehen. Und …”Casanova” immer hinterher! Ob er sie je betören konnte, wissen wir nicht, aber es muss sich wohl um eine “bärenstarke” Liebe gehandelt haben.
Die nordamerikanischen Bären paaren sich im späten Frühjahr. Während der Paarungszeit bleiben die männlichen und weiblichen Tiere für ca. fünf bis sieben Tage zusammen und trennen sich dann wieder. Damit ist die Familiengründung für den Bärenmann erledigt. Er kümmert sich danach nicht mehr um seinen Nachwuchs.
Weiter rechts auf den Wasserfällen steht “der Dicke”, ein bestimmt über 15 Jahre alter, dicker Bär, der das Lachsfanggeschäft etwas behäbiger angeht. Vielleicht ist er auch zu unkonzentriert oder schon zu satt – er steht oberhalb der Fälle und wartet geduldig auf “seine” Beute, die ihm ins Maul fliegen soll. Er schnappt weder nach rechts noch nach links – das ist ihm wohl alles zu anstrengend. Aber letztlich zahlt sich auch seine Geduld aus, er reißt sein Maul im richtigen Moment auf und wird mit einem fetten Lachs belohnt! Zum Fressen geht er lediglich zwei Schritte zurück und mit großer Gelassenheit verzehrt er seine Beute in kürzester Zeit. Dann: Wieder zwei Schritte nach vorne und das Spiel beginnt erneut!
Noch weiter rechts ist “Lippi”, ebenfalls ein alter Geselle, der vor einigen Jahren bei einem Kampf wohl einen Kieferbruch erlitten hat. Seitdem hängt ihm die rechte Kieferseite etwas nach unten, was ihn aber anscheinend nicht so sehr beeinträchtigt, denn Lippi ist dick und wohlgenährt. Vor ihm, das heißt unterhalb der Fälle, aufgerichtet und aufgestützt auf einen höheren Felsbrocken, steht ebenfalls ein sehr kräftiger männlicher Bär, der den Felsbrocken als Tisch benutzt. Er hat einen Lachs darauf abgelegt und frißt ihn mit großer Inbrunst ratzeputz in kürzester Zeit auf. Am anderen Ufer des etwa 200 m breiten Flusses sehen wir, noch halb im Unterholz versteckt, einen weiteren Bären. Es ist wahrscheinlich ein Weibchen, nicht ganz so groß wie die anderen Bären auf den Fällen. Das Fell ist noch relativ hell gefärbt, das Alter schätzen wir auf etwa fünf Jahre. Bestimmt ist das Bärenfräulein noch etwas schüchtern und traut sich nicht so recht zwischen die “alten Kameraden”. Also wartet die Bärin geduldig, bis sich die Situation etwas entspannt und einige der männlichen Bären das Weite suchen.
Auf der kleinen Insel in der Mitte des Flusses hält sich eine Bärin mit zwei ca. achtzehn Monate alten Jungen auf. Die Bärin ist relativ klein, die Jungen schon fast so groß wie sie selbst. Beide Bärenkinder haben einen auffälligen schwarzen Fleck auf der Stirn. Gerade holen sie sich einen Fetzen Lachsfleisch aus dem seichten Wasser und sofort beginnt ein Streit um die Beute.
Weiter flussabwärts toben zwei Halbwüchsige. Vor uns, noch im Fluss, sitzt “Alf” und verzehrt ebenfalls einen Lachs. Er sieht mit seiner langen Nase der Fernsehfigur “Alf” wirklich sehr ähnlich und sein Gesichtsausdruck strahlt offensichtlich äußerste Zufriedenheit aus. Er scheint sogar zu lächeln!
In unmittelbarer Nähe vor uns hat sich “Dieb” niedergelassen. Dieser ca. fünf Jahre alte Bärenjüngling hat eine ganz besondere Art, Lachse zu fangen. Er sitzt am Ufer des Flusses, wirkt völlig unbeteiligt, schaut gelangweilt mal nach rechts, mal nach links und erweckt den Anschein, als würden Lachse ihn ganz und gar nicht interessieren. Aber aus seinen Augenwinkeln heraus beobachtet er, was sich auf den Wasserfällen abspielt! Und sobald dort ein Bär einen Lachs fängt und sich mit seiner Beute in den nahen Wald zurückziehen will, wird der “Dieb” aktiv. Er steht auf und begibt sich zu der Stelle, wo der erfolgreiche Bär seine Beute verzehren will. Jetzt schlägt er zu und versucht, dem Lachsfänger die Beute streitig zu machen! Das geht nicht ohne Tätlichkeiten, die von lautem Brüllen und Schnauben begleitet werden. Doch nach einer kleinen Weile kommen beide zurück, der eine Bär geht wieder auf die Fälle, der “Dieb” setzt sich wieder unbeteiligt ans Ufer und wartet auf den nächsten “Lachsfang”.
Die kleine Bärenmutter möchte nun auch auf die Wasserfälle, um an ein leckeres Abendessen zu kommen.
Es ist gefährlich für eine Bärenmutter mit Jungen, sich in der Nähe von alten, männlichen Bären aufzuhalten. Bärenmänner haben leider die schlechte Eigenart, Bärenjungen den Garaus zu machen, damit das Bärenweibchen dann eher auf das Werben des Bärenmannes eingehen kann.
Die Bärin muss also höllisch auf ihren Nachwuchs aufpassen – aber der leere Magen treibt sie gegen alle Vernunft zu den Wasserfällen. “Alf” findet das gar nicht gut und fängt sofort an zu Brummen, auch der “Dieb” hält nichts vom dem Ansinnen der Bärin und geht ihr mit forschem Schritt entgegen. Mutter Bär brummt zurück, sicher die beiden Jungen hinter sich verborgen. Es dauert eine kleine Weile, bis “Alf” und der “Dieb” einsehen, dass sich die Bärin von ihrem Vorhaben nicht abhalten lässt.
Beide Bären wenden sich ab und kümmern sich nicht mehr um das Geschehen. Zum Stressabbau widmet sich die Bärin nun erst einmal der Fellpflege, sie legt sich auf den Rücken und kratzt sich an Bauch und Beinen. Nachdem sie sich beruhigt hat und sich die beiden Jungbären ebenfalls ein ruhiges Liegeplätzchen in der Nähe der Mutter ausgesucht haben, nimmt die Bären die Situation auf den Wasserfällen erneut in Augenschein: Kann sie es wagen, auf die Fälle zu klettern und eventuell einen Fisch ergattern? Sie wagt es und mit einem kurzen, prüfenden Blick auf ihren Nachwuchs klettert sie ohne Anstrengung über einen kleinen Felsvorsprung auf die Wasserfälle. Im gleichen Moment kommt jedoch von links ein männlicher Bär aus dem Ufergestrüpp und schon stürzen sich beide Bären aufeinander, Wasser spritzt auf, lautes Gebrüll ist zu hören und Tatzenhiebe werden verteilt. Die beiden Jungbären sind aufgeschreckt, wollen im ersten Moment zur Mutter laufen, erkennen aber die Gefahr und kehren zurück und verkriechen sich zusammengekauert auf einer kleinen Grasinsel hinter einem dicken Grasbüschel.
Die Bärin kommt, immer noch schnaubend und offensichtlich ziemlich wütend, zurück. Unentschlossen bleibt sie stehen und geht dann über einen kleinen Pfad wieder ins Unterholz. Noch einmal hören wir lautes Brüllen und Schnauben. Offensichtlich gibt es noch immer Ärger mit ihrem Kontrahenten und sie will ihm wohl eine weitere Lektion erteilen. Kurze Zeit später kommt sie erneut laut keuchend aus dem Gebüsch. Hat sie den anderen Bären jetzt tatsächlich vertrieben? Die Jungen eilen von der Insel zu ihr und schmiegen sich zärtlich an sie. Die Bärenmutter genießt die bärigen Liebkosungen und beschließt dann, den Rückzug in den Schatten des nahen Waldes anzutreten. Kein Lachs zum Mittagessen heute – vielleicht dürfen es ein paar Beeren sein?
Diese Geschichte ist ein Auszug aus Theresa Hays Buch BÄRENSOMMER – Bärige Geschichten aus Alaska. 116 Seiten mit 14 spektakulären s/w-Abbildungen. Format: 12 x 19 x 0,7 cm. Erschienen bei der Books on Demand GmbH, Norderstedt. ISBN 3-8330-0142-9, EUR 7,90.
Autor: Theresa Hay
Fotos: © Gerhard W. Hay
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*** Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Seiten-Relaunchs übernommen von tiergeschichten.de, unserer allerersten, ursprünglichen Tiergeschichten-Seite. ***





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