Corina Vogtländer: Wespenhaus – Kriminalroman

Corina Vogtländer: Wespenhaus. Der äußere Schein trügt – Kriminalroman, Leipzig 2010, Engelsdorfer Verlag, ISBN 978-3-86901-829-4, 353 Seiten, Softcover, Format 14,5 x 20,7 x 2,2 cm, EUR 16,00

„Wetten, dass in diesem Hochhaus der Mörder von Lisa Müller, der Seniorinnen-Täter und der Unfall-Verursacher wohnen?“ (Seite 142) – Hauptkommissar Bernd Ballhaus spricht vom elfstöckigen Punkthaus Nr. 4 im idyllischen Städtchen Vogtlandgrün. Und von drei Fällen, mit denen seine Kollegen und er derzeit beschäftigt sind: Ein Hausbewohner, der Werbefachmann Nico Hegner, liegt nach einem mutwillig provozierten Autounfall schwer verletzt im Krankenhaus. Der Unfallverursacher konnte unerkannt entkommen. Der „Seniorinnen-Täter“ hat schon neun ältere Damen überfallen und misshandelt. Und die Domina Lisa Müller wurde in ihrer Wohnung im Punkthaus Nr. 4 erstochen aufgefunden.

Die Polizei hat verschiedene Gründe, besonders den „Ureinwohnern“ von Nr. 4 auf den Zahn zu fühlen. Und sie merkt schnell, dass hier fast jeder etwas zu verbergen hat … wenn nicht vor der Polizei, dann vorm Partner und dem Rest der Welt, dem man gerne Harmonie und Moral vorspielt.

Da sind zum Beispiel Kerstin und Heinz Schweiger, die seit Jahren in einer „Josefs-Ehe“ nebeneinander her leben. Wo bitte treibt sich der Molkereiarbeiter nachts herum, wenn seine Frau schläft? Und mit wem trifft sie sich, wenn sie angeblich alleine spazieren geht?

Auch Monika und Dieter Lippold umgibt die Aura des Geheimnisvollen. Der ehemalige Postangestellte sitzt nach einem Unfall, dessen wahre Hintergründe nicht einmal seine Frau kennt, im Rollstuhl. Monika, 53, werkelt nach ihrem Jobverlust als Ich-AG-Buchhalterin vor sich hin. Was aber ist es, worüber sie nicht sprechen können oder wollen?

Dagmar und Frederik Elsterspecht mit ihrer ballettbegeisterten Tochter Bettina sind die Bilderbuchfamilie schlechthin. Oder ist es doch wahr, was der Journalistin Dagmar zu Ohren kam? Ihr Gatte soll als Baudezernent in einen handfesten Korruptionsskandal verwickelt sein!

Marc Knittel und Kevin Lachen, zwei junge Männer, wollen unbedingt etwas aus ihrem Leben machen. Doch ein Studium ist teuer. Also jobben sie in einer Fabrik. Aber nicht nur …

Diplom-Ökonomin Gabriela Lachen, Kevins Mutter, hält sich und ihre beiden Kinder mit drei Jobs über Wasser. Um ihre 13-jährige Tochter Christin macht sie sich Sorgen. Das Mädchen muss Schlimmes erlebt haben, rückt aber nicht mit der Sprache heraus. Sven, der Sohn von Babara Wagner, scheint mehr darüber zu wissen. Die arbeitslose Barbara, deren Ehe von ihrer herrschsüchtigen Mutter vorsätzlich auseinandergebracht wurde, ahnt nichts von alledem.

Susanne und Harald Kleinschmidt haben auch ihre Probleme. Da die Erzieherin und der Pharmareferent eine Wochenendehe führen, ist es ihm ein Leichtes, ihr seine Arbeitslosigkeit zu verschweigen. Doch das ist nur ein Bruchteil dessen, was der „kleine Herr Schmidt“ verheimlicht …

Rosemarie und Dr. jur. Vogelsang sind auch für die Polizei ein interessantes Paar. Er ist ein Winkeladvokat, wie er im Buche steht. Rosi, seine Gattin Nr. 3, hat gerade erfahren, dass ihr Ehemann eine jüngere G  e l i e b t e hat. Sie zerlegt den Hausrat und reicht die Scheidung ein. Doch das ist derzeit Vogelsangs geringstes Problem …

Wer in Haus Nr. 4 war Kunde bei der P r o s t i t u i e r t e n  Lisa Müller? Und wem hat das nicht gepasst? An Hausmeister Max Eiligmann beißt sich die Polizei allerdings die Zähne aus. Er hat die Tote gefunden und weiß bestens über die Bewohner des Hauses Bescheid. Doch Eiligmann hat Prinzipien: Er tratscht nicht.

Die Kommunikationszentrale des Hauses ist das Lotto-Kiosk-Lädchen-Café-Bistro der „Burschis“, dreier freundlicher älterer Herren. Bäckermeister Karl Sommer, Koch Oswald Krüger und Organisator Georg Schreiner sind zwar die „Kummerkastenonkels“ der Hausbewohner, aber nicht so leicht auszuhorchen. Else Keifer müsste man erwischen, die Klatschtante des Hauses, eine einsame alte Frau, die aus Langeweile und einem diffusen Bedürfnis nach Ordnung und Überblick die Hausbewohner seit Jahren ausspioniert.

Das Haus Nr. 4 ist harter Brocken für die Kripo. Chef Rolf Hoyer hat gleich sechs seiner Leute auf die Punkthaus-Bewohner angesetzt: Marlene Kunstmann, Katzenfreundin im nachlässigen Retro-Öko-Look, Manfred Merkel, schlampig und chaotisch, dem der Spitzname „Columbo“ anhängt, Siegfried Mittag, der grummelige Musterknabe, der stets wie aus dem Ei gepellt daherkommt, Frauenschwarm und Lästermaul Bernd Ballhaus, und last not least das ehemalige Traumpaar des Kommissariats, Hauptkommissar Volker Nett, 49, und Kommissarin Andrea Schöne, 44.

Volker und Andrea haben nicht nur mit der beruflichen Herausforderung zu kämpfen, sondern auch mit ihrer wieder aufgeflammten Beziehung. Doch Andrea schleppt seit Jahren ein Geheimnis mit sich herum. Und sie ist sicher, dass Volker es nicht verkraften wird, wenn er davon erfährt. Trotzdem will sie es ihm an seinem 50. Geburtstag offenbaren.

Doch zunächst einmal gilt es, die Lügen und Geheimnisse der Punkthausbewohner zu knacken. Wer ist der mysteriöse Linkshänder, der alte Damen krankenhausreif prügelt? Welches Motiv hat er? Was hat Werbefachmann Nico Hegner gesehen, getan oder gewusst, das einen Unbekannten dazu veranlasst hat, ihn in mörderischer Absicht von der Straße zu drängen? Und warum musste die Domina Lisa Müller sterben? Bis jetzt ist noch nicht einmal die Tatwaffe identifiziert, geschweige denn der Täter.

Nach und nach kommt ans Licht, was die Hausbewohner so angestrengt im Dunkeln halten wollen. Die Fassade der Wohlanständigkeit bröckelt und fällt bei manchen mit Getöse in sich zusammen. Was durchaus auch positive Nebenwirkungen hat.

Nachdem die wichtigsten Punkthaus-Geheimnisse gelüftet sind, enthüllt Andrea Schöne auch das ihre. Das ganze Buch über hat man sich Gedanken gemacht, was sie wohl zu verbergen hat. War sie politisch nicht ganz koscher? Ist sie  b i s e x u e l l ? War sie ein missbrauchtes Kind? Oder hat sie sich in der Vergangenheit etwas Schreckliches zu Schulden kommen lassen? Was sie schließlich ihrem Kollegen und Geliebten offenbart, das haut den Leser wirklich um!

Wenn man ihr Geheimnis kennt, entdeckt man rückblickend schon ein paar versteckte Hinweise im Buch. Die aber sind so subtil gestreut, dass kaum jemand vorzeitig auf des Rätsels Lösung kommen dürfte.

WESPENHAUS ist nicht nur ein Krimi, sondern auch ein Gesellschaftsroman aus der Nachwendezeit – ein Bündel von Biographien, die durch die politischen Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte kräftig durcheinander gewirbelt wurden. Man kann nicht aufhören zu lesen, bis alle Rätsel gelöst und alle Geheimnisse gelüftet sind. Allen voran das der Kommissarin Andrea Schöne!

Ein Personenverzeichnis wäre hilfreich gewesen Es ist nicht nämlich ganz einfach, in diesem „Multipersonenstück“ den Überblick zu behalten. „Auf die Schnelle“ sollte man das Buch sowieso nicht lesen: Dadurch, dass jeder Figur eine Biographie und verschiedene charakterisierende Informationen zugeordnet sind, wird vielfach mit Rückblicken und Assoziationen, Einschüben, Beschreibungen und Andeutungen gearbeitet. Huscht man darüber hinweg, verpasst man womöglich etwas Wichtiges.

Mit der Sprache geht die Autorin kreativ und eigenwillig um. Dafür, dass sie dudenwidrig Anreden wie „Sie“ und „Ihnen“ konsequent klein schreibt, wird sie ihre Gründe haben. In einem komplexen Plot mit vielen Dialogen und inneren Monologen kann man auch nicht ständig „sagt sie“ und „denkt er“ schreiben. Man braucht Alternativen und Abwechslung, was jedoch mitunter zu etwas manieriert klingenden Lösungen führt:

[Gedankengang], verfällt Volker wieder in seine sonntägliche Sentimentalität.
[Gedankengang], bilanziert er überzeugt.
(Seite 24)
[Wörtliche Rede], reagiert Oswald sichtlich verblüfft. (Seite 37)
[Gedankengang], macht ihr Gedächtnis einen Revival-Abstecher (…) (Seite 42)
[Gedankengang], unterhält sich Daggi mit sich selbst. (Seite 44)
[Wörtliche Rede], brummelt Volker beipflichtend.
[Wörtliche Rede], erkundigt sich seine Kollegin ihn kühlem, formellen Ton.
[Wörtliche Rede], wendet sich Volker mit vertrauensseliger Geste an seine fesche Revierkollegin. (Seite 45)
[Wörtliche Rede], jongliert Marlene bedacht und schaut fragend zu Rolf Hoyer. (Seite 232)

Alsbald ertappt man sich dabei, vor allem darauf zu achten, wie die Gedanken und Äußerungen der Personen beschrieben und kommentiert werden. Und das lenkt etwas vom Inhalt ab.

Ablenkung durch sprachliche Eigenheiten macht sich auch bei den Dialogen bemerkbar, weil sich nahezu alle Personen den verschachtelten, poetisch-bildhaften, beschreibenden Stil des auktorialen Erzählers zu Eigen machen. Eine Erzählerstimme „darf“ sowas – sie hat schließlich jede Menge Informationen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu transportieren. Und wenn das Ehepaar Elsterspecht sich so wortreich-geschraubt anflachst, mag das Teil ihres Familienjargons sein: „So, meine geliebte Schreibschlange, jetzt werde ich mich auf die Abgeordneten-Söckchen machen.“ -– „Tu das mein knuffiger Aktenhengst. Bring deine Büromäuse mit Takt und Noblesse in die bürokratischen Gänge. Ich tippe mal schnell meinen Artikel am Computer, bis unsere integre Fusselsammlerin hereinschneit. (…)“ (Seite 35)

Dass die Sprache der 80-jährigen Klatschtante so ähnlich klingt, lässt sich vielleicht mit ihrer Vergangenheit am Theater erklären. Doch einer hartgesottenen Kommissarin nimmt man Sätze wie diese schwerlich ab: „Das Dasein der Hausbewohner gleicht einem elektromagnetischen Feld im Quadrat. Einer Fahrstuhlfahrt mit vielen Aufs und Abs. Steckenbleiben, mitten auf der Wegstrecke, inklusive Panik und Schweißausbrüchen. Keinen Notausgang in Sicht, warten viele auf das Licht am Ende des Schachts. Von wegen Sweet Home.“ (Seite 140/141)

Und auch beim einfachen Arbeiter wirkt so ein reflektierter und gefühlvoller Monolog nicht sehr authentisch: „Ich war kurz nach zwölf, wie öfters in letzter Zeit, auf dem Weg zu XY, die ich abgöttisch liebte. Ich war nicht darauf vorbereitet, was plötzlich mit mir geschah. Gegen dieses Gefühl wehren? Zwecklos. Ich war ihr völlig hörig. In meinen qualvollen süßen Hoffnungen verzehrte ich mich nach einem Kuss. Die schöne unberührbare XY blieb für mich unerreichbar. (…) So blieb lediglich wieder Sadomaso als Kreuzung unserer Herzen. Ich wurde zum Sklaven meiner eigenen Leidenschaft. Gottes Werk oder Teufels Beitrag? Ein bitteres Paradies, getragen von den Wogen meiner unstillbaren Sehnsucht nach XYs Nähe.“ (Seite 190)

Würde er im richtigen Leben nicht eher sagen: „Ich hätte die Alte ja gern ge***, aber sie hat keinen Bock drauf gehabt“? Doch ob die Autorin den Personen Grobheiten oder Tief- und Feinsinniges in den Mund legt, das ist ihre Entscheidung, ihr Stil – und die Freiheit der Kunst. Wer sich darauf einlassen mag, kann einen neugierigen Blick hinter die Fassaden der Wohlanständigkeit werfen und mit der Kripo Vogtlandgrün im Wespennest stochern. Und bitte bei Andrea Schönes verblüffender Lebensbeichte hinsetzen und gut festhalten!

Foto: © uwest (Uwe Steinbrich) / http://www.pixelio.de

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http:// edithnebel.wordpress.com

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