Charlaine Harris: Ein eiskaltes Grab – Roman

Charlaine Harris: Ein eiskaltes Grab – Roman, OT: An Ice Cold Grave, Deutsch von Christiane Burkhardt, München 2010, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21196-3, 300 Seiten, Format: 12 x 19 x 1,7 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A)

Harper Connelly, 23, ist wieder mit ihrem Stiefbruder und Manager Tolliver Lang geschäftlich unterwegs. Seit sie als Teenager vom Blitz getroffen wurde, kann sie Leichen aufspüren und in den allermeisten Fällen auch die Todesursache benennen. Daraus haben die beiden Stiefgeschwister einen Beruf gemacht.

Dieses Mal ist es ein „Polizeijob“, der sie anreisen lässt. Sandra Rockwell, der neue Sheriff von Doraville, North Carolina, hat die beiden gerufen, wenn auch nicht aus innerer Überzeugung, sondern mehr aus Gründen des Erfolgsdrucks. “In den letzten fünf Jahren sind in diesem Bezirk immer wieder Jungen verschwunden“, erklärt sie den beiden. „Wenn ich ‚Jungen’ sage, meine ich Jungen zwischen vierzehn und achtzehn“. (S. 18) Keiner von ihnen hatte Grund zum Weglaufen, und wenn sie verunglückt wären, hätte man inzwischen die eine oder andere Leiche finden müssen. Für Sheriff Rockwell liegt es auf der Hand, dass die Jungs einem Serienmörder zum Opfer gefallen sind und irgendwo verscharrt wurden.

Twyla Cotton, die Großmutter eines der verschwundenen Jungen, finanziert diesen Einsatz des übersinnlichen Bergungsunternehmens. Mit ihr fahren Harper und Tolliver die Gegend ab. Auf dem verlassenen Grundstück, auf dem das Handy von Twylas Enkel gefunden wurde, spürt Harper die Signale gleich mehrerer Toter. Acht Jungs liegen hier, und alle wurden gefoltert und zum Sterben liegen gelassen. Die Polizei lässt die Leichen ausgraben und kann Harpers Aussagen samt und sonders bestätigen.

Wenn es nach den beiden Stiefgeschwistern ginge, würden sie nun ihr Honorar kassieren, und schnellstmöglich verschwinden. Aber das klappt selten. Normalerweise ist es die Polizei, die Harper und Tolliver an der Abreise hindert, weil sie die Gabe der jungen Frau für Täterwissen hält. Aber hier leuchtet selbst dem Dorfsheriff und dem State Bureau of Investigation ein, dass die beiden ortsfremden Dienstleister nichts mit einer seit Jahren andauernden Mordserie zu tun haben können. Der Täter muss ein Einheimischer sein.

Dieses Mal ist es der Mörder selbst, der Harpers und Tollivers schnelle Abreise vereitelt. Als Harper ihr Gepäck ins Auto bringt, wird sie hinterrücks angegriffen und krankenhausreif geschlagen. Damit hat der Täter ein sauberes Eigentor geschossen. Denn jetzt haben die beiden nicht nur ein persönliches Interesse an der Lösung des Falls, sondern auch hinreichend Zeit und Gelegenheit, sich damit zu befassen. Und sie bekommen sogar noch Verstärkung: Xylda Bernardo und ihr Enkel Manfred haben erfahren, dass ihre Freunde Connelly und Lang in Schwierigkeiten sind und reisen an um ihnen zu helfen. Die Bernardos sind als Hellseher unterwegs. Wo ihre übersinnlichen Fähigkeiten nicht ausreichen, füllen sie die Lücken großzügig mit Phantasie und Betrügereien.

Bei der Suche nach weiteren Leichen begegnen sie dem 13-jährigen Chuck. Harper und den Bernardos gruselt es vor dem Jungen, der offensichtlich schwerwiegende psychische Probleme hat. Und nicht nur das: Er scheint etwas über den Serienmörder zu wissen …

Die übersinnliche Krimihandlung ist nur ein Aspekt der Serie. Der andere ist die Beziehung der Personen untereinander. Die Harper und Tolliver sind mit einer Handvoll weiterer Stief- und Halbgeschwister in katastrophalen Verhältnissen aufgewachsen – im Wohnwagen mit drogensüchtigen und kriminellen Eltern, die zwischen Rausch und Knast hin- und herpendelten und zuließen, dass ihre Kinder verwahrlosten. Wahrscheinlich haben sie das nicht einmal bemerkt. Einigen Andeutungen kann man entnehmen, dass auch s*e*x*ueller Missbrauch im Spiel war. Wären die Kinder nicht so früh erwachsen geworden, hätten sie diese desolaten Zustände vermutlich gar nicht überlebt.

Solche „wir-gegen-den-Rest-der-Welt“-Erlebnisse schweißen zusammen. Doch seit Harper und Tolliver gemeinsam durch die Lande ziehen, hat sich ihre Beziehung verändert. Aus geschwisterlicher Zuneigung ist Liebe und Begehren geworden, doch keiner von beiden wagt es, das vor sich selbst oder gar vor dem anderen zuzugeben. Zu groß ist die Angst, die vertrauensvolle freundschaftliche Beziehung zu zerstören – und sich damit auch noch die berufliche Existenz zu ruinieren.

Tolliver ist eifersüchtig auf Manfred Bernardo, den punkigen Schmalspur-Hellseher, der Harper nach allen Regeln der Kunst umwirbt. Ihm ist klar: Wenn aus den beiden ein Paar wird, ist er als Harpers Vertrauter Manager überflüssig. Als er auf Manfreds Auftauchen in Doraville stark überreagiert, wird Harper hellhörig. Das ist mehr als brüderliches Gezicke! Sollte Tolliver am Ende genauso empfinden wie sie? Schließlich hatte Xylda ihr prophezeit, sie würde „in der Eiszeit glücklich werden“. Und, bei Gott, eiszeitlich kalt ist es derzeit in North Carolina!

Und noch etwas hat Xylda in ihrer kryptischen Art vorausgesagt: „Du wirst auf alle deine Fragen eine Antwort bekommen“ und „Du wirst Cameron finden“. (S. 140). Cameron ist Harpers ältere Schwester, die vor acht Jahren spurlos verschwunden ist. Nur ihren Rucksack hat die Polizei gefunden. Das ungelöste Rätsel um Camerons Schicksal belastet seither die Familie. Ob sie die Schwester lebend oder tot finden würde, darüber weiß Xylda allerdings nichts. Es ist immerhin denkbar, dass Cameron die Nase voll gehabt hat von den chaotischen Familienverhältnissen und einfach nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist. In irgendeinem der Folgebände der Reihe wird das Geheimnis hoffentlich gelüftet werden.

Durch die Liebesbeziehung ist ein neuer Aspekt in die düstere Krimi-Atmosphäre gekommen. Nicht nur die Erotik … wobei man darüber streiten kann, ob man als LeserIn immer alles so genau wissen will. Aber nun gibt es plötzlich einen Hauch von Hoffnung, dass Harper und Tolliver eines Tages tatsächlich zu dem ruhigen, spießigen Leben in einem Vorstadthäuschen kommen könnten, von dem sie oft reden und träumen. Bislang konnte man sich nie so recht vorstellen, wie das aussehen soll. Bruder und Schwester mit jeweiligem Partner unter einem Dach? Schwierig … Und man sah die beiden im Geist schon bis ans Ende Ihrer Tage ruhelos über Land reisen.

Bis es so weit ist und sich die zwei sich vielleicht wirklich ins bürgerliche Leben zurückziehen, sollen sie ruhig noch ein paar düster-übersinnliche Kriminalfälle lösen. Sie machen das sehr spannend und unterhaltsam. Und was aus der einen oder anderen Nebenfigur wurde oder wird, möchten wir bitte auch noch geklärt haben. Ohne dass der Verbleib von Cameron enthüllt wird, sollten die beiden möglichst nicht in ein idyllisches Vorstadtleben entschwinden!

Die Autorin
Charlaine Harris lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Ihre Romane wurden u. a. mit dem begehrten Anthony Award und dem Grand Prix Les Romantiques für die beste Heldin ausgezeichnet sowie für den Agatha Award und den Compton Crook Award nominiert.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http:// edithnebel.wordpress.com

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