Was ist dran an dem Mann?

Meine Freundin hat ihn „mitgebracht“, den Mann, den sie liebt. „Du musst ihn unbedingt kennen lernen“, hat sie mir am Telefon gesagt, „er ist einfach irre“.

Ich kenne meine Freundin schon fast zwanzig Jahre. Sie ist wirklich eine tolle Frau, unabhängig, fröhlich und sehr geschäftstüchtig. Geheiratet hat sie nie. Sie fand nicht den Richtigen, immer war da etwas, was sie störte. Ich war echt gespannt, wen sie mir da mitbrachte. Es musste ja ein toller Mann sein, wenn er sie so beeindruckte.

Endlich, da kamen sie beide. Sie, wie immer, elegant, charmant und sprachgewandt. Er klein, farblos und sehr ruhig, kein Adonis, eher ein Mitteldurchschnitt. Sie führte die Unterhaltung, er saß ruhig neben ihr, streichelte nur zärtlich ihre Hand und verhielt sich abwartend.

Ich war irgendwie ratlos – was war dran an dem Mann? Er sah nicht gut aus, er redete fast nichts, er war einfach nur da! Mein Gott, dachte ich so für mich, was für ein Langweiler! Nein, so einen Mann würde ich nicht geschenkt haben wollen. Was um alles in der Welt fand sie an diesem Menschen?

Wie sich im Gespräch herausstellte, konnte er nicht mal tanzen, reisen war auch nicht sein Ding. Er konnte eigentlich nur zuhören. Ob er vielleicht ein guter Liebhaber ist? Aber den Gedanken verwarf ich schnell. So sah er nicht aus.

Was er wohl beruflich mache, fragte ich ihn. „Hm, sehr viel und breit gefächert“, sagte er. Mann, war das eine Pfeife! Na ja, ich musste ihn ja nicht haben.

Meine Freundin lobte ihn in den höchsten Tönen, seine exzellenten Kochkünste, sein großes Organisationstalent, obendrein sei er ein Finanzgenie. Aha, dachte ich, er ist wahrscheinlich ein Börsenmakler oder Studienrat, hat einen eher trockenen Beruf der Gute. Dieser Mensch war nicht Fisch und nicht Fleisch, eine seltene Gattung Mann.

Endlich ging der kleine Nachmittagsplausch zu Ende. Ich war froh, so einen öden Nachmittag hatte ich lange nicht mehr gehabt!

Nach zwei Tagen rief mich meine Freundin an und fragte mich, wie ich ihn fände.
„Muss ich das wirklich sagen?“, fragte ich zurück. „Nein, musst du nicht. Ich weiß wie wundervoll er ist. Seit ich ihn habe, stimmt bei mir alles. Er kocht, er putzt, er kauft ein, er macht die Wäsche, und er braucht ganz wenig Haushaltsgeld. Und billig ist er noch dazu, er nimmt nur 1200 Euro im Monat. Ich muss ihn ganz schnell heiraten, bevor mir dieses Juwel von einer Anderen weg geschnappt wird.“

Ich lachte und lachte, so hatte ich lange nicht mehr gelacht. Der tolle Typ war ein „Hausmann“. Darauf wäre ich nie gekommen, und ein kleines bisschen neidisch war ich schon auf meine Freundin. Sie hatte Recht, so einen Mann gibt es nicht alle Tage, die haben schon Seltenheitswert.

Foto: © artoid (Franz Schneider) / http://www.pixelio.de

Autor: Ursula Geier
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2 Kommentare

  1. Wäre es umgekehrt und ein Herr würde eine Dame in erster Linie für ihre hausfraulichen Fähigkeiten schätzen, lieben und heiraten wollen, wäre die Geschichte dann frauenfeindlich? Und ist die Story hier darum männerfeindlich …? Ich werd darüber nachdenken.

    Auf jeden Fall ist es grundsätzlich nicht schlecht, wenn sich Männlein wie Weiblein im praktischen Alltag gut zurechtfinden und man die unvermeidliche häusliche Arbeit innerhalb einer Partnerschaft halbwegs gerecht aufteilen kann.

  2. Es dauert noch, aber ich bin an einem Buch über Frauen und da kommen die Männer nicht all zu gut weg. Aber es gibt zum Glück auch noch liebe Männer
    allerdings sind sie „dünn“ gesäät und vom „aussterben“ bedroht.

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