Und das nennt ihr Weihnachten!

Vor wenigen Tagen wachte ich von einem lauten Geschrei auf. Ich schaute aus dem Fenster und sah einen Vogel der auf dem Dach des Nachbarn saß und heftig schimpfte. Der ganze Vogel zitterte und bebte, so regte er sich auf.

Er war schwarz und seinem Aussehen nach ein Rabe. Ich kannte ihn schon ein paar Jahre, er wohnte immer in der großen Tanne hinter unserem Haus. Sein Gesang war nicht sonderlich schön, aber dafür konnte er nichts. Raben können nicht melodisch singen, sie krähen halt, das ist allgemein bekannt.

Dieses Mal krähte der Vogel nicht, nein, er schrie förmlich. Das ganze Unrecht dieser Welt lag in seiner Stimme, die sich fast überschlug, so aufgebracht war er. Ich verstand seine Wut, hatte man ihm doch so mir nix, dir nix, seine Wohnung weggenommen und ihn und seine Familie zu Obdachlosen gemacht.

Sein ganzes Elend schrie er heraus und die Menschen die draußen auf ihren Balkonen und in ihren Gärten standen waren ratlos.

In das Vogelgeschrei mischte sich das bösartigen Geräusch einer Motorsäge, die den wunderschönen Baum in Nachbars Garten einfach absägte. Eine herrliche Tanne war es gewesen, gerade gewachsen ein wunderschöner Anblick, und die Heimat einer Rabenfamilie.

Jahre lang hatte sie dort gestanden und jetzt wurde sie abgesägt. Fast neun Meter war sie hoch geworden und das Nest der Rabenfamilie befand sich oben in der Tannenspitze. Unsere Vogelfamilie war heimatlos geworden, das stimmte mich traurig.

Ich bewunderte den Raben wie er so laut und zornig schimpfte und sich nicht beruhigen wollte. Fast zwanzig Minuten zeterte er auf dem Hausdach des Nachbarn und wollte nicht aufhören. Kein Wunder, seine Kinder waren dort geboren und aufgewachsen und jetzt, wenige Wochen vor Weihnachten, hatte er kein Heim mehr.

Ich weiß nicht wie ein Rohrspatz schimpft, aber ein Rabe übertrifft ihn sicherlich. Ich wünsche dem Raben, dass er bald wieder einen schönen großen Tannenbaum findet, wo er mit seiner Vogelfamilie in Ruhe leben kann. Und manchmal wünsche ich mir, dass ich so schimpfen könnte wie jener Rabe.

Foto: © Migueldelapopo / http://www.pixelio.de

Autor: Ursula Geier, November 2009
UrsulaGeier@web.de
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