Model oder Schauspieler zu werden steht auf der Wunschliste derer, die in der Medienbranche tätig werden wollen, ganz oben. Aber der Weg dorthin ist steiniger, als manche sich das vorstellen. Man darf nicht kamerascheu sein und muss nach Anweisung agieren und posieren können. Genau das Letztere ist es aber, was so manchen Regisseur oder Fotografen zur puren Verzweiflung treibt.
Ich habe ein Problem. Oder vielmehr, Mowgli hat ein Problem. Er ist schlicht und einfach verfressen. Jetzt ist er vier Wochen hier und frisst. Er isst nicht, er frisst! Anscheinend war es für Miezka unmöglich, ihm gesittete Katzentischmanieren beizubringen. Sie hat ihm schon manchen Pfotenhieb verabreicht, nachdem er versucht hat, ihr den Katzenstick direkt aus den Krallen zu klauen.
Nicht, dass mir das wegen der Menge was ausmachen würde, es ist genug für ihn und Miezka da. Trotzdem, diese Menge … Aber es ist ja auch klar, Mowgli ist noch klein und muss wachsen. Und er wächst jeden Tag. Wenn er so weitermacht, hat er bald die Ausmasse eines prähistorischen Säbelzahntigers und ich muss eine Halle für ihn anmieten. Und genau da beginnt mein Problem. Denn ich möchte Fotos von ihm und Miezka machen, solange er noch klein ist. Aber so wie’s aussieht, bleibt er nicht lange klein. Also müssen schnell Fotos gemacht werden.
Das wiederum dürfte kein Problem sein. Mit diesen modernen Digitalkameras ist das ja ein Leichtes, kein teurer Film und keine Entwicklungskosten, da gibt’s bestimmt jede Menge interessanter Schnappschüsse. Nur Batterien werden benötigt, aber die gibt’s ja notfalls an jeder Tanke. Daher liegt in letzter Zeit die Kamera immer betriebsbereit und in greifbarer Nähe. Also mal sehen, was sich so ergibt.
Mowgli hat es sich auf dem Tisch bequem gemacht und döst dort vor sich hin. Nach einiger Zeit streckt er sich und gähnt herzhaft. Geradezu ein Postkartenmotiv. Schnell den Foto und abgedrückt. Nur ist Mowgli schneller. Mit einem Sprung ist er bei mir und die Aufnahme zeigt nur ein verschwommenes Katzenauge. Nix war’s mit Postkarte. Na ja, es gibt bestimmt noch mehr Gelegenheiten. Auf jeden Fall habe ich noch einiges arbeiten und muss auch Emails abfragen. Das entpuppt sich aber als nicht so einfach, denn mit einem Auge schiele ich immer zu den Fellmonstern.
Oh, süss! Mowgli leckt Miezka das Fell. Jaaa, gut, bleibt so, nicht bewegen. Schnell abgedrückt. Haste gedacht! Die beiden streiken und bewegen sich in tangential entgegengesetzter Richtung. Aber beide Hinterteile sind dekorativ abgelichtet. Es mag vielleicht für manche künstlerisch wertvoll sein, aber für mich zeitigt es nicht das gewünschte Ergebnis. Also, so wie ich das sehe, brauchen die beiden noch Training. Vielleicht sollte ich Heidi Klump anrufen? Nach reiflicher Überlegung von etwa einer zehntel Sekunde, beschliesse ich, das dann doch nicht zu tun.
In den folgenden Stunden ergibt sich keine Gelegenheit für ein weiteres Shooting. Muss man die Fellnasen etwa auch vorher buchen? Es könnte durchaus möglich sein. Da Samtpfoten in der Regel nichts mit Euros anfangen können, vereinbare ich als Honorar ziemlich einseitig einige Katzensticks. Die beiden werden nebeneinander auf die Couch gesetzt, wo sie auch ganz artig bleiben. Jedenfalls einige Zeit. Denn in dem Moment, als ich die Knipse in die Hand nehme, wird Miezka neugierig und will wissen, was das soll.
Klick!
Schönes Bild.
Mowgli ist jetzt als schwarze Silhouette auf der Couchlehne und Miezka völlig überbelichtet im Vordergrund. So langsam sollte das aber was werden mit der Fotografiererei. Nun denn, ich muss eben Geduld aufbringen. Nach einiger Zeit ist Mowgli wieder von der Couchlehne runter und Miezka hat sich wieder hingelegt. Mowgli platziert sich neben sie. Das ist die nächste Gelegenheit.
Klick!
Sehr schön.
Miezka liegt immer noch auf der Couch, aber Mowgli ist an dem digitalen Katzenablichtungsgerät sehr interessiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Mowgli neugierig und unscharf im Vordergrund, Miezka kaum sichtbar im Hintergrund. Ich bin kein professioneller Fotograf, aber ein kleines bisschen Mitarbeit kann man doch wohl erwarten. Wäre ich ein professioneller Fotograf, würde ich mir jetzt eine Prise Koks in die Nase ziehen und schreien „Ich kann so nicht arbeiten!“ Koks gibt’s hier nicht, in diesem Haus wird mit Gas geheizt, ausserdem produzieren Drogen ein Gehirnzellenmassaker.
Vorläufig tröste ich mich damit, dass das nächste Motiv bestimmt kommen wird. Hoffentlich. Auf jeden Fall sollte man sich als Model nicht so verhalten. Ich kann allen Fellnasen nur raten, hört bei eurem Fotoshooting auf eure Dosis. Stunden später. Gerade komme ich aus dem Keller mit der frischen Wäsche, die dort zum Trocknen aufgehängt war. Die kommt erst mal auf die Couch da kann ich sie dann zusammenlegen und in den Schrank einräumen. Die beiden Salontiger sind natürlich neugierig, was es da Besonderes gibt.Aus dieser Inspektion ergibt sich nach kurzem ein spielerisches Gerangel.
Nächste Fotomöglichkeit.
Klick!
Klick!
Klick!
Es kann ja auch sein, dass ich als Fotograf nichts tauge, obwohl ich eigentlich einschlägige Erfahrung habe. Man muss schon ein klein wenig Fantasie um zu erkennen, was da los ist.Schwarz auf rot-weiss getigert mit dekorativ zerknautschter Wäsche daneben. Aber bei grossen Künstlern kann man ja auch nicht immer erkennen, was es darstellen soll. Nur die Darsteller haben nicht so agiert, wie sich die Regie das vorstellt. Auf jeden Fall sollten angehende Models und Darsteller sich nicht so vor der Kamera verhalten.
Der nächste Tag beginnt mit dem üblichen Fütterungsritual. Während des Frühstücks nehme ich mir die Tageszeitung vor. Da sind auch wie üblich einige Prospektbeilagen. Die werde ich mir mal später vornehmen, daher werden sie erst mal zur Seite gelegt. Mowgli will natürlich sofort damit spielen. Und tatsächlich, er beschäftigt sich ziemlich lange damit. Jedenfalls solange bis ich die Knipse in der Hand habe.
Klick!
Nochmal ein Katzenhinterteil, diesmal mit auf den Boden geworfenen Werbeprospekten und Zeitungen.
Wie zum Geier machen das eigentlich Steven Spielberg oder James Cameron? Engagieren die Rambo, damit’s am Set nach ihren Wünschen läuft? Ob Rambo allerdings hier eine Chance hätte, bezweifle ich sehr. Ok, ich sattle jetzt um, Kühlschrankverkäufer in der Antarktis oder so. Das dürfte wesentlich einfacher sein.
Foto: © nafas / (Monika Tugcu) pixelio
Autor: Mike
champicnac@yahoo.de
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