Mind the Gap 4c

Seit 2003 lebe ich in London. In einer Art Internet-Tagebuch habe ich Freunden und Bekannten in Deutschland in unregelmäßigen Abständen meine Erfahrungen und Erlebnisse geschildert. Dieser Beitrag ist ein Auszug daraus – und die Fortsetzung von „Mind the Gap 3“. Aus technischen Gründen und wegen der Lesbarkeit ist „Mind the Gap 4“ unterteilt in 4a bis 4c. Die Fortsetzung in Gestalt von „Mind the Gap 5“ folgt demnächst.

Foto: Tricin (Simon Echterhof) / pixelio

8. September 2006
Gott, ist London laut. Das war mir zwar schon vorher bewusst, aber nach 7 Tagen in einem superleisen B&B in Cornwall faellt es einem doppelt auf. Am Samstag unserer Rueckkehr war natuerlich prompt wieder eine Party im Club gegenueber, und da das letztes Mal bis weit nach 1 Uhr nachts schallte, habe ich dieses Mal die Laermtruppe schon fruehzeitig gerufen. Leider kamen die erst gegen 12.15 an, und wie Murphy’s Law es so will, 2 Minuten vorher hatte die Musik aufgehoert. Sie sassen dann noch 20 Minuten in ihrem Auto mit offenen Fenstern, dann fuhren sie ab – und haben prompt den Abgang einiger laermender Partybesucher verpasst, die meinten, es sei spassig, sich mitten auf die Strasse zu stellen und rumzubruellen.

Als also vorgestern um Mitternacht ein Autoradio ploetzlich ganz laut spielte, war ich schon wieder auf 180 und riss erzuernt das Fenster auf. Saubande, dachte ich, kann es hier nicht einmal ruhig sein? Komisch, kein Auto weit und breit. Muessen die Nachbarn unter uns sein, die kennen auch gar nichts. Gott, ist das laut, klingt ja, als ob es vom Zimmer nebenan k…. oops. Rase ins Nebenzimmer, das von John als Buero genutzt wird, und siehe da, das Radio auf seinem Schreibtisch hatte sich selbsttaetig eingeschaltet und sendete mit voller Pulle.

Gestern gegen 11.30, das Twin Towers Drama in BBC1 war gerade zuende, fing dann eine Sirene im gegenueberliegenden Neubau an zu laermen. Die Feuerwehr kam um 12.15 mit drei (!) Wagen an und rueckte unverrichteter Dinge wieder ab, die Polizei kam eine Stunde danach vorbei und rueckte nach planlosem Umherlaufen auch wieder ab und die noise crowd versicherte mir am Telefon, sie wuerden sich drum kuemmern, da sie aber wahrscheinlich einen warrant braeuchten, um einzubrechen und den Alarm abzustellen, waere das wohl erst heute. Die Sirene verstummte heute morgen um 7.40. Und ich dachte immer, alle diese schicken Neubauten haetten 24 hour porterage und security. So kann man sich taeuschen. Und ich bin jetzt so muede, dass ich gleich einschl….

11. September 2006
Freitag abend hatte dann das Canary Wharf Community Centre, das gleich neben dem normalerweise laermenden Poplar Rowing Club liegt, eine Disco veranstaltet, und die schafften es, ab 10 Uhr dermassen Radau zu machen, dass ich schon wieder die Noise Prevention Officers rufen musste. Die kamen dann kurz nach Mitternacht (gibt anscheinend viel Laerm in London) und waren so entsetzt (“die Baesse hoert man ja ueberall und alle Tueren sind offen!”) dass sie die Musik sofort abgedreht und bei Wiederholung mit Entzug der Lizenz gedroht haben. Wenigstens mal ein Ergebnis, auch wenn es bis gegen 1 Uhr dauerte, bis alle Jugendlichen unter grossem Geschrei und mit quietschenden Reifen die Gegend verlassen hatten. Wir haben dann natuerlich prompt die Themse-Aufraeumaktion verschlafen, die seit Freitag bis morgen uns gegenueber am Ufer der Themse stattfindet, veranstaltet von der Thames 21 Charity (http://www.thames21.org.uk/). Sonntag morgen hatten wir dann keine Entschuldigung mehr und haben uns zum Dienst gemeldet (muss morgens sein wegen Ebbe). Wir bekamen Gummistiefel und Handschuhe gestellt und sind eine Stunde lang im Matsch herumgestapft und haben Plastik und Glas etc. aufgehoben. Es ist absolut unglaublich, wieviel Muell man an so einem kleinen Uferstreifen aufsammeln kann!

Es gibt seit letzer Woche zwei neue kostenlose Zeitungen in London, beide werden abends verteilt, im Gegensatz zur METRO, die es morgens gibt. Leider ist es wohl das Los aller kostenlosen Zeitungen, Druckerschwaerze abzufaerben, so dass man nach Lesen selbiger rabenschwarze Finger hat und schwarze Flecken im Gesicht, wenn man Beate heisst. Neulich hatte ich zuviel in der einen Hand und habe daher die Zeitungen in der anderen Hand an mich gepresst, was einen schwarzen Abdruck auf meinem weissen T-Shirt hinterliess. Aber lesen tut man sie trotzdem, denn kostenlos ist schliesslich kostenlos, und wenn die Nachrichten darin einen auch noch so depressiv machen. Das heisst aber auch, dass ich jetzt dem Evening Standard untreu geworden bin, der fuer 50p denselben Mist bringt. Hab mich ganz verstohlen an meinem ueblichen Zeitungsverkaeufer vorbeigeschlichen und kam mir wie ein Verraeter vor.

Ich bin schon wieder ganz schrecklich ergaelded und entdecke mal wieder, wie schrecklich englisches daytime telly ist. Der Vormittag besteht fast nur aus Programmen fuer gelangweilte Hausfrauen, denen vorgegaukelt wird, sie koennten aus jedem Muell Geld machen (Car Booty, Bargain Hunt, Flog It!). Das Abendprogramm ist im Grunde auch nicht viel besser. Dies ist das Bild, das englisches Fernsehen von den Englaendern zeichnet: Sie sind schmutzig (How Clean Is Your House?), fett (You Are What You Eat), unsportlich (Ian Wright’s Unfit Kids), noergelnd (Don’t Get Me Started, Grumpy Old Men), wuetend (Temper your Temper), mit vielen Schulden (The Price is Right, Deal or no Deal, Who Wants To Be A Millionaire) mit fluchenden, aggressiven Kindern (Supernanny) und Teenagern (Teen Tamer). Ausserdem haben sie keine Ahnung, wie sie ihre Haeuser so herrichten, dass sie verkaufbar sind (House Doctor, Selling Houses, Property Ladder) und sind ganz schrecklich risikoreich (One Year to Pay Off Your Mortgage, A New Life: Risking It All).

18. September 2006
Social overkill am Wochenende! Noch heftig schnupfend (John hat die Erkaeltung jetzt auch und leidet, wie nur Maenner leiden koennen), haben wir uns zu unserer alten Wohnung aufgemacht, um vom dortigen Innenhof das Great Thames River Race anzuschauen. Zurueckgekehrt zur neuen Wohnung, konnten wir von dort aus beobachten, wie die Boote direkt gegenueber am Ruderclubsteg an Land gehievt wurden und fuer Stunden die Strasse versperrten. Die Disco im Ruderclub (typisch) ging dann bis Mitternacht.

An diesem Wochenende war dann auch Open House London, aber dafuer hatten wir keine Zeit, wir haben uns auf das Thames Festival konzentriert, das das ganze Suedufer der Themse in Anspruch nahm, mit Musik, Essensstaenden etc. Wir haben im griechischen Restaurant an der South Bank ein ueberteuertes Souvlaki zu uns genommen und sind dann zum Picknick im Greenwich Park aufgebrochen, mit ein paar Freunden. Da haben wir dann festgestellt, dass Car Free Festival in Greenwich war (noch mehr Musik und Essen), und so haben wir uns schon wieder durch Massen von Leuten gewuehlt. Man muss dazu sagen, dass es ein wunderschoen warmer und sonniger Tag war, und so haben wir uns im Gras niedergelassen (die M&S Picknickdecke, eigens fuer solche Zwecke verkauft, hatte ich natuerlich vergessen) und zuviel Kuchen und Schokolade zu uns genommen. Dann ging es munter weiter, zurueck zum Thames Festival, denn ab 19 Uhr fand ein Night Carnival statt, mit Feuerwerk ab 21.45. Um 20 Uhr haben wir uns auf der Blackfriars Bridge zwischen die Leute gedraengt, bis anderthalb Stunden spaeter (der Karnival schlaengelte sich immer noch durch) unsere Beine nachgaben und wir uns einen guten Aussichtspunkt fuer das Feuerwerk suchten. Zu dem Zeitpunkt hing mein Magen durch und ich musste dringend wohin. Es war halb 12, bis wir endlich zuhause waren, und entweder es war das spaete Essen oder die vielen Eindruecke, aber ich konnte ewig nicht einschlafen. Dementsprechend haenge ich auch heute herum.

Letzte Woche habe ich mal wieder diverse Telefonate taetigen muessen, da ich staendig auf Post warte, die nie ankommt. Mein alter Stromlieferant (British Gas) hat mir immer noch keine Abschlussrechnungen geschickt, waehrend mein neuer Stromlieferant (EDF Energy) mir immer noch keine Bestaetigung geschickt hat ueber die Neueinrichtung des Kontos. Ich habe es ja auch erst am 12. Juni beantragt! Gas wurde Mitte Juli “geswitcht”, Strom anscheinend am 1. September. Aber es kann bis zu 28 Tagen dauern, bis es aktiviert wird. Oder so. Ich habe schon so oft bei denen angerufen, und jedesmal kriege ich eine andere Auskunft. Unglaublich.

Endlich habe ich auch mal jemanden im Moorfield Eye Hospital drangekriegt, deren Termin vor drei Monaten ich leider absagen musste. Die Dame meinte froehlich “Ja, wir haben Ihnen einen neuen Termin gegeben, haben Sie denn den Brief nicht gekriegt?” “Nein, fuer wann denn?” “Fuer November – das ist der schnellste Termin, den wir finden konnten”, fuegte sie noch hinzu. Ich will meinen deutschen Augenarzt wieder.

Die Dame im Idea Store konnte zuerst mein Problem auch nicht verstehen. “Alle Kursinformationen wurden verschickt und die Kosten abgebucht – letzte Woche schon. Obwohl wir ein bisschen Probleme mit der Post hatten, jetzt wo ich drueber nachdenke.” Dann hat sie mir meine Adresse vorgelesen, und siehe da, statt einer 10 hatte sie eine 1 notiert. Ups. Also habe ich John losgeschickt, um mal an die Haustuer von Wohnung Nr. 1 zu klopfen. “Die sind vor ein paar Wochen ausgezogen” meinte eine Nachbarin hilfsbereit. “Wie komm ich jetzt an deren Briefkasten ran?” “Wohnen Sie hier? Dann haben Sie doch einen Schluessel fuer die Tueren, hinter denen die Briefkaesten sind. Das ist ein Generalschluessel, der passt hier ueberall”. John hatte Glueck – die Post fuer Nr. 1 war auch hier HINTER den eigentlichen Briefkasten gesteckt worden, so dass er den Brief fuer mich ohne Probleme herausfischen konnte. Aber da kann man mal wieder sehen, wie toll die Royal Mail arbeitet. Wir haben auch zig Beschwerden losgeschickt, dass unsere Post nicht IM Briefkasten landet, sondern dahinter, denn, wie sich jetzt herausstellt, koennte dann das ganze Viertel dran! Und da wundern sich Leute, dass soviel Post nie ankommt!

16. Oktober 2006
Freitag vor einer Woche fuhr John nach Birmingham und kam mit einem neuen 19 Zoll Flatscreen Monitor fuer mich wieder, da mein alter Monitor merkwuerdige Symptome zeigte – das Bild wackelte, zog sich zusammen und dann wieder auseinander, und manchmal wurde der ganze Bildschirm schwarz mit Ausnahme einer weissen Linie in der Mitte. Da ich fuer moderne Kunst bei Monitoren nichts uebrig habe, wurde der alte Kasten voellig herzlos ausgetauscht. Wir haben erst ueberlegt, ihn Tracy Emin zu stiften fuer ein Projekt „die Vergeblichkeit der Moderne“ oder so, aber dann haben wir doch einfach die Gemeinde-Hotline angerufen, die fuer Sperrmuell zustaendig ist.

Ich hatte mein Handy zuhause vergessen, also rief ich John vom Buero aus an und bat ihn, es mittags vorbeizubringen, und gleichfalls diverse Unterlagen, die ich zuhause gelassen hatte. Als er dann um 12 Uhr ankam, drueckte er mir mein Handy in der Hand, aber die Unterlagen hatte er nicht dabei. Sage ich “Ich habe dich doch gebeten, die Unterlagen mitzubringen!” Sagt er “Ich war mir nicht mehr sicher was du wolltest, aber ich habe dich in einer SMS gefragt, hast du die nicht gekriegt?” Ich: “Du meinst eine SMS zu meinem Handy, dass DU hattest?” Sein Gesicht war fuer die Goetter.

Wir haben Maeuse in der Kueche und wir wohnen im dritten Stock! Beim Staubsaugen vor ein paar Tagen fand John eine angeknabberte Suppentuete in einem der Behaelter, die auf dem Kuechenboden stehen. Er hat daraufhin alle Behaelter auf die Arbeitsflaechen gestellt, aber am naechsten Tag waren wieder 2 Suppentueten angeknabbert. Bei einer englischen Bacon & Leek Suppe sage ich ja gar nichts, aber als meine Flaedlesuppe gelitten hat, wurde ich sauer. John meint, sie leben neben dem Boiler, weil er da ein kleines Loch gefunden hat, das unter die Fussbodenbretter fuehrt. Einen alten Behaelter mit „Pest Control“ Aufschrift hat er auch noch gleich daneben gefunden. Bisher haben wir mit einer Mausefalle zwei Maeuse erledigt, und die Pest Control kam am Samstag Mittag vorbeigeschlappt und legte Gift aus.

Aus einem Brief meiner Firma an einen Kunden bezueglich zuzueglicher Kosten fuer einen Auftrag: “The Company personnel who will provide the information will be myself, Mr X and our PA, Beate Y. The hourly rate for the above will be £350.00 for myself and XX and £150.00 per hour for Beate. Time will be charged in units of 6 minutes. “ Ich hab das mal ausgerechnet. Demnach muesste ich auf einem Jahresgehalt von £292,500 sein! WOW. Unterbezahlt ist gar kein Ausdruck.

Wenigstens hat John nun endlich auch das Wohnzimmer gestrichen! Hipphipphurra.

Und der Weihnachtsflug nachhause ist auch gebucht. Leider hat Ryanair ja die Gepaeckbegrenzungen ab 1. Nov. wieder auf 15 kg heruntergefahren, das wird bitter. Meine Kollegin hat heute ihre Weihnachtseinkaeufe angefangen. So organisiert bin ja nicht mal ich.

26. Oktober 2006
Wir bekamen gestern eine erste Gasrechnung von ueber £400 von EDF Energy – mit 2 voellig falschen Zaehlerstaenden drauf. Der richtige Anfangsstand ist 8307, dann hatte ich vor ein paar Tagen online einen Stand von 8324 durchgegeben. Ueber diese 17 Einheiten haette dann auch die Rechnung sein sollen. Statt dessen zitierte die Rechnung einen Anfangsstand von 3277 und einen neuen Stand von 3824. Und ueber diese 580 Einheiten wurde dann auch die Rechnung gestellt. Also riefen wir bei EDF an.

„Ja, der Zaehlerstand von 3277 kommt von TRANSCO, das ist die Firma, der der Zaehler gehoert.“br /> „Bei uns war aber nie einer zum Zaehlerablesen“.
„Aber das ist der Stand, denn wir von TRANSCO bekamen!“
„Das kann ja sein, aber der ist grottenfalsch! Und wieso steht hier eigentlich 3824 und nicht 8324 wie von mir durchgegeben?“
„Ja, das muss manuell geandert worden sein, wir dachten, Sie haetten sich vertippt.“
„Aber ich habe ihnen doch schon lange den richtigen Anfangszaehlerstand durchgegeben!“
„Hm, ja, jetzt wo sie es sagen, laut Computer haben sie am 19. Juli einen Zaehlerstand von 8307 durchgegeben.“
„Aha. Sie kriegen also einen Zaehlerstand von 8324 von mir und haben von TRANSCO einen Zaehlerstand von 3277. Und anstatt in den Akten nachzuschauen, nehmen sie einfach an, dass ich mich vertippt habe und aendern das mal eben manuell, was immer noch eine Anzahl von Einheiten ergibt, die man normalerweise nicht mal in einem Jahr verbraucht, geschweige denn in drei Monaten?“
„Aehm, was kann ich sagen …“

Ne, da faellt mir auch nichts mehr ein. Und das Schoene ist, dass ich mich angeblich nicht sorgen soll, sie glauben mir ja und die Rechnung wird storniert, aber das Ganze muss eben die noetigen Stellen durchlaufen und mit TRANSCO diskutiert werden, und es kann bis zu 28 Tage dauern, bis ich eine neue Rechnung bekomme. Nach einem Anruf bei British Gas ist mir jetzt auch klar, warum ich von denen seit drei Monaten keine Endrechnung bekomme – die haben einen Anfangsstand von 8302 von mir und einen Endstand von 3277 von TRANSCO. Und das passt natuerlich nicht zusammen. Aber anstatt dass die Firma dem mal auf den Grund geht und mich oder TRANSCO oder sonst jemanden anschreibt, wird der Zaehlerstand zwar in Frage gestellt, mir aber selbiges nicht mitgeteilt. Ich liebe den Dienst am Kunden hier.

Wenigstens mein Boss ist happy. Er war von Montag bis Mittwoch auf der EXPO Real in Muenchen und hat prompt seinen Blackberry irgendwo auf dem Ausstellungsgelaende verloren. Heute morgen rief eine Firma aus Hannover an, die das gute Stueck gefunden hat und per Post zustellen wird. „My faith in human nature is restored“, sagte er.

2. November 2006
Der folgende Beitrag ist weder von mir noch spiegelt er meine Meinung wieder (denn meistens koennte ich dieses Land auf den Mond schiessen), aber er ist trotzdem schoen geschrieben, und deswegen zitiere ich ihn hier. Und wenn ihr schoen brav seid, erzaehle ich euch am Wochenende das Neueste aus „Chez Beate and John“. http://www.londonleben.co.uk/london_leben/2006/10/this_country.html

8. November 2006
In der Woche vom 23. Oktober war es seltsam leer im Buero – die Haelfte aller Kollegen hatte Urlaub eingereicht (oder war krank), und dann fiel mir endlich ein, wieso: Es war half-term, also Herbstferienwoche. Da meine Arztpraxis jetzt mittlerweile davon ausgeht, dass die Grippeimpfungen erst Ende November eintrudeln (national shortage, mal wieder), bin ich am 27.10. zu Boots in der Liverpool Street gegangen, die eine flu jab fuer £15 anbieten. Das war auch relativ unkompliziert ohne Termin in der Mittagspause machbar. Und das Geld krieg ich von der Firma wieder.

Am selben Tag kam auch Susanne fuer das London Film Festival eingeflogen, wie jedes Jahr. Sie hatte jede Menge Filme eingeplant, wir haben aber, da ich mir Montag, 30. – Mittwoch 1. November frei genommen habe, auch ein bisschen Sightseeing hingekriegt, unter anderem Greenwich plus Themsefahrt, die Mumien im British Museum und einen aeusserst interessanten „London Walk“ mit dem Thema „Old London“. Der tour guide war eine quirlige Omma mit Apfelbaeckchen und mehr Energie als wir alle zusammen. Laut Broschuere war sie mal Schauspielerin und Dramalehrerin – von der Art, mit der sie ihre Geschichten ueber Christopher Wren und Samuel Pepys erzaehlt hat, kann ich mir das sehr gut vorstellen. Sie hat uns ein paar wunderschoene kleine Kirchen gezeigt, von denen ich bisher ueberhaupt nichts wusste. Vor St. Paul’s Cathedral hat sie uns dann verlassen, wo wir, da es schon fast 17 Uhr war, umsonst reinkamen.

Am Samstag haben wir uns „The Devil Wears Prada“ angeschaut, da ich manchmal einfach nur inhaltsfreie Unterhaltung will am Wochenende. – Schonkost sozusagen. War aber recht gut. Susanne hat sich meistenteils Problemfilme aus der „New English Cinema“ Reihe angeschaut und uns am Mittwoch, ihrem letzten Tag in „Small Engine Repair“ im Odeon West End geschleppt. Der Film handelte von einer Handvoll Loser in einem irischen Kaff (einer betrieb eine Autowerkstatt und einer wollte Country Musiker werden) und ueberraschenderweise war der Film richtig gut. John war von dem Moment an voellig gefesselt, in dem er einen Manta erspaehte, in dem die zwei Hauptfiguren waehrend des Films haeufiger in der Gegend herumfuhren. Da hat Susanne, ohne es zu wissen, zielsicher den wahrscheinlich einzigen Festivalfilm mit einem Manta drin ausgewaehlt! Nach dem Film gab es noch eine kurze Question&Answer session mit Regisseur und Hauptdarstellern und John hat tatsaechlich dem Regisseur fuer die Benutzung des Mantas im Film gedankt!

Nach dem Film flog Susanne direkt nach Hause, und da sie nur mit Handgepaeck unterwegs war, hat man ihr den lemon curd weggenommen, den sie als Souvenir gekauft hatte.

Am Freitag, den 3. hat John fuer £200 einen alten Manta gekauft, nur um ihn fuer Ersatzteile auszuschlachten. Dummerweise war der nicht mehr fahrtuechtig, so dass es ihn nochmal £80 gekostet hat, den von seinem alten Mechaniker in die Garage seines Bruders in Birmingham abschleppen zu lassen. Und jetzt ist er seit gestern dort, um die Schrottkarre auseinanderzuschrauben. Ein paar Sachen will er in seinen Manta einbauen lassen, den Rest will er verscherbeln. Theoretisch sollte das Geld dadurch wieder reinkommen, da Manta-Ersatzteile begehrt sind.

Am Sonntag war Guy Fawkes Night, auch Bonfire Night gedacht. Das ist wenn die Englaender einem Terroristen gedenken, der vor etlichen hundert Jahren versucht hat, das Parlament in die Luft zu sprengen. Da wird soviel Feuerwerk in die Luft geschossen wie sonst in einem Jahr nicht, und es beschraenkt sich auch laengst nicht mehr nur auf eine Nacht. Die ganze Woche wurde geboellert, was das Zeug haelt. Die Luft am Samstag war total schwefelhaltig.

Tower Hamlets Council, das jedes Jahr im Victoria Park in Hackney ein Feuerwerksspektakel abhaelt, hat dieses Jahr anscheinend vergessen, was der Anlass fuer Bonfire Night ist und hat dem Feuerwerk ein „Bengali Tiger Night“ Thema gegeben, was viele mal wieder dazu veranlasst hat, sich besorgt zu fragen, ob die englischen Traditionen in political correctness untergehen (30% aller Bewohner in Tower Hamlets sind Bengalis).

Gestern war ich beim Augenarzt, was mich den ganzen Vormittag gekostet hat. Die Augenoptikerin brauchte 40 Minuten, um zu dem Schluss zu kommen, dass meine Augen sich nicht verschlechter haetten (ich war auch schon voellig kollabiert von den -zig Entscheidungen, welche Linse ich besser finde, 1 oder 2, 3 oder 4…) Der Arzt meinte dann nach sporadischer Durchleuchtung meiner Augen, dass ja alles in Ordnung waere und keinen Folgetermin braeuchte – „nur wenn Sie meinen, dass was nicht stimmt, kommen Sie natuerlich sofort her“. Von Praeventativmedizin haelt man in diesem Land wirklich nicht viel! Werde jetzt mal schauen, wieviel eine einmaljaehrliche Behandlung bei meinem alten Augenarzt in Deutschland kosten wuerde, denn meine Augen sind mir schon wichtig!

Die Fenstersaga geht weiter – wir hatten jetzt schon drei verschiedene Menschen hier, die sich das Badezimmerfenster begutachtet haben, so wie die drei Fenster in Wohnzimmer/Kueche, die mittlerweile auch alle Feuchtigkeit im Innern der Doppelverglasung haben und daher ersetzt werden muessen. Ich bin ja mal gespannt, ob das tatsaechlich noch vor Weihnachten passiert. Wir warten ja auch erst seit Anfang Juni.

12. November 2006
Heute ist mal John dran. [rant on]
Der fuhr ja nach Brum wegen des Mantakaufs. Ich sag noch zu ihm „Nimm deine Rasiersachen und Zahnbuerste etc. mit. Und deine Puschen und den Morgenmantel. Und saubere Unterwaesche“. „Ja klar, mach ich“. Ich komm abends nach Hause und falle als erstes ueber seine Puschen im Badezimmer. Sein Kulturbeutel steht auch noch auf der Ablage. Und der Morgenmantel haengt ueber dem Haken. Dann war das mit der Unterwaesche wohl auch nichts.

Waehrend er dort war, vergass er ueber all dem Autoausschlachten auch glatt das Mittagessen. Dummerweise hatte er, als er es merkte, auch gemerkt, dass er sich aus dem Haus seines Bruders ausgeschlossen hatte (der bei der Arbeit war), und sein Geldbeutel lag oben im Gaestezimmer. Vielleicht war’s aber auch besser so, mit all den Massen an fettem Essen, das er dort aufgetischt bekam. Englische Esskultur eben.

Dann kam er ohne Mantabaseballkappe zurueck. Die er bei seinem Bruder liegengelassen hatte. Macht ja nichts, er hat ja noch seine Salzburg-Kappe. Die liess er dann in der darauffolgenden Woche ebenfalls bei seinem Bruder liegen. Der kann ja bald einen Shop aufmachen damit. Das bedeutete, er hatte nur noch eine andere Kappe (leuchtendrot, eigentlich nicht zu uebersehen), die er dann prompt im Cafe liegenliess, in dem wir am Freitag zusammen zu Mittag assen. Die waren aber nett und hoben sie auf, bis ich Zeit hatte, sie abzuholen. Der Mann wuerde noch seinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen waere!

Letzte Woche habe ich mich dazu hinreissen lassen, bei der jewellery lady im Greenwich Market (bei der ich schon 3 Ringe gekauft habe), eine Kette fuer meine Mutter zu kaufen. Bei der Auswahl wurde uns auch eine Kette gezeigt, die mir sehr gut gefiel. „Oh look“, sag ich zu John. „That’s pretty, I like that. Not for my Mum, it’s not her taste, but I wouldn’t mind that for myself.“ „Ja, stimmt er zu, „wirklich huebsch, steht dir“. Wir kaufen also die Kette fuer meine Mutter und gehen nach Hause. Wo er prompt anfaengt zu jammern, dass er KEINE Ahnung hat, was er mir zu Weihnachten schenken soll. Das hat mich doch sofort an den „Things My Girlfriend and I Argued About“ Blog erinnert. Margret beklagt sich „Why didn’t you give me a wormery? I dropped enough hints!“ Mil: „You WHAT? When?“ All the time, mate, all the time. Lasst euch was gesagt sein, ihr Maenner da draussen: Nie wird so heftig mit dem Zaunpfahl gewinkt, ach was, euch mit dem Zaunpfahl ueber den Kopf gehauen wie vor Weihnachten (und Geburtstagen)!! Ihr muesst nur einfach mal ZUHOEREN!!!! Ist denn das so SCHWER?

Leider musste ich John dann nochmal mit der Nase draufstossen, der die Kette heute nachmittag gekauft hat. Wenn ich warten wuerde, bis er von selber auf sowas kommt …
[rant over]

Und zu allem Ueberfluss hat nahe meiner Arbeitsstelle ein schnieker neuer Schokoladenladen aufgemacht: „Hotel Chocolat“. Da bin ich am Freitag aus reiner Neugierde mal rein. Oh mein Gott. Pralinen und Schokoladen in allen Varianten. Und ich wollte doch weniger Schokolade essen, nicht mehr! Das Leben ist ungerecht. Dabei bin ich beileibe nicht uebergewichtig. Aber ein paar Kilo weniger waeren auch nicht schlecht. Aber an Willenskraft fehlt es mir ganz gewaltig. Gestern habe ich diesen Blog entdeckt (wurde in einer Zeitschrift erwaehnt): The Amazing Adventures of Dietgirl, http://www.dietgirl.org

Die Frau ist einfach unglaublich. Innerhalb von 5 Jahren ist sie von 160 kg auf 80kg geschrumpft, von Australien nach Schottland gezogen und hat einen netten Schotten geheiratet, bevor ihr working visa auslief. Ganz abgesehen von ihrem hervorragenden, witzigen Schreibstil hat sie es gerafft: keine merkwuerdigen Diaeten, sondern eine Kombination aus 1. Iss weniger, 2. Iss das Richtige und 3. Exercise. Und beim Sport hapert’s immer bei mir.

23. November 2006
Unter der Rubrik “Man wartet ewig und dann kommen drei Busse gleichzeitig”, waere dieses zu vermelden:

Per Email von der Bueroleitung letzten Donnerstag:

11:31am
Good morning All!
I am just writing to confirm that the December payroll will be run early again this year and your December salary will be in your bank accounts on Friday, 15th December.
Many thanks,
L

11:57am
Dear all,
I am very pleased to be writing to let you all know that you have all been given an additional half day holiday this year to assist you with your Christmas Shopping – courtesy of Mr M!
Please note, this half day is to be taken in December and I would ask you all to liaise with me to ensure we have adequate cover in the office.
Many thanks and kind regards,
L

12:09pm
Dear All!
As promised, I just wanted to write and confirm that this year’s Christmas party is starting at 12.00 Noon, on Friday, 15th December:
The venue is now confirmed as follows:-
(…)
I will forward the menu options to you all shortly (as soon as I have an electronic version) but you will be able to make your choices on the day as there is no need to pre-order. If you do have any questions or queries, please feel free to ask! I am at present exploring options for a suitable “after lunch” venue and shall let you know this nearer the time!
We are looking forward to seeing you there!
With kind regards,
L

Nett, nicht?

Letztes Wochenende haben wir in Northamptonshire mit zwei italienischen Freunden verbracht (ein Zwillingspaerchen), die ich schon seit Jahren kenne. Wir werden auch zusammen Silvester feiern, worauf ich mich schon freue. Sie wohnen in einem fuer England sehr typischen Miethaus: unten ein laengliches Wohnzimmer (fuer englische Verhaeltnisse riesig) mit wunderschoenem Kaminsims. Der Kamin selber ist stillgelegt, aber der mantelpiece ist einfach klasse. Daneben ist die Kueche und hinter der Kueche ist das angebaute Bad (mit Teppichboden). Das war bei Johns Wohnung auch so, daran kann man sehen, wie alt das Haus schon ist. Ueber eine steile Treppe (auch mit Teppichboden) gelangt man in den ersten Stock, in dem sich drei unterschiedlich grosse Schlafzimmer befinden. Dazu noch ein kleiner Garten, und das Ganze kostet die Haelfte unseres Flats in Docklands. Rushden ist ein niedlicher kleiner Ort, dessen high street fast nur aus charity shops besteht. Wir waren bestimmt in 5 oder 6 davon, und haben jetzt genug Weihnachtskarten fuer die naechsten drei Jahre, da interessanterweise charity shops eine bessere und kitschfreiere Auswahl an Karten haben. Da musste ich natuerlich zuschlagen.

Der Manta in Birmingham ist endlich auseinandergenommen und verschrottet worden, jetzt muss er nur naechsten Dienstag ein letztes Mal hin, um die gearbox in seinen eigenen Manta einbauen zu lassen und die Heizung zu reparieren, die nicht mehr tat, seit der Mechaniker vor 2 Wochen oder so irgendwo neue Draehte eingepflanzt hat. Es war eine kalte Fahrt nach und von Northamptonshire!

Und dann das. Gestern abend, kurz vor dem Zubettgehen, John hat sich schon fertiggemacht. Ich gucke fluechtig aus dem Wohnzimmerfenster zum Rowing Club hinueber. Dort ist oefters abends ein Abschleppwagen geparkt, der die letzte Fuhre des Tages dort abstellt, um dann frueh am naechsten Morgen zum scrapyard zu fahren. Aus dem Augenwinkel sehe ich ein weisses Auto auf dem Abschleppwagen. Nun bin ich ja punkto Automarken die reinste Niete. Ich kann gerade noch einen Beetle von einem Mini unterscheiden, bei den groesseren Marken hoert es dann schon auf, wenn die nicht direkt neben mir stehen. Aber jahrelang mit einem Mantaenthusiasten zusammenzusein, faerbt wohl doch ab. Ich sage „John, guck mal, ist das ein Manta?“ und erwarte ein veraechtlich schnaubendes „Das ist ein Ford Mondeo, du Dussel“. Er aber sagt „Das ist allerdings ein Manta!“ Und wird leichenblass. Sein Manta ist auch weiss. „Ich hoffe, das ist nicht meiner“ fluestert er. Gegen jede Vernunft rase ich also aus der Wohnung, um vom Treppenhausfenster einen Blick auf den Hof zu werfen – wo Smellie Nellie friedlich schlaeft. Das waere also geklaert – es gibt in Docklands tatsaechlich zwei weisse Mantas. John kriegt aber nun ein metallisches Glitzern in den Augen. „Die Beifahrertuer sieht gut aus, ob er die mir wohl verkauft, bevor das Auto plattgemacht wird?“ „Frag ihn einfach“ sage ich. „Morgen frueh fange ich ihn ab“ beschliesst er. Sage ich „Spinnst du, der faehrt immer ganz frueh, was, wenn du ihn verpasst?“ „Soll ich etwa die ganze Nacht wachbleiben?“ „Nein, aber du koenntest ihm einen Zettel an die Windschutzscheibe haengen mit deiner Telefonnummer!“ Das hat er dann nach etwas Murren („Es regnet aber“) auch gemacht, und kam mit verklaertem Gesichtsausdruck zurueck. „Die Beifahrertuer ist eingedellt, aber die Scheinwerfer sind klasse und da ist ein original spoiler dran, die sind so selten wie rocking horse shit! Manta Mick kriegt die Krise, wenn ich ihm das erzaehle!“ (Er hat 2 Kumpels mit dem Namen Mick, einer ist Manta Mick und der andere ist Mad Mick. Nur so als nutzlose Info nebenbei). Am naechsten Morgen gegen 7 Uhr piept sein Handy – er hat tatsaechlich eine Nachricht bekommen. 10 Minuten spaeter ruft der Typ auch noch an, sie machen aus, sich in einer halben Stunde zu treffen, und John entspannt sich endlich. Angeblich ist er erst nach 2 Uhr nachts eingeschlafen, weil er so aufgeregt war. Mittlerweile hat er alles ausgebaut, was er wollte und dafuer nur einen Spottpreis bezahlt. Christmas came early, kann man da nur sagen!

Heute wurden auch, nach nur 6 Monaten Wartezeit, schon die neuen Fenster in Kueche und Bad, sowie zwei im Wohnzimmer eingebaut – und eine neue Waschmaschine gab es auch noch! Des weiteren kam eine Lieferung mit bestellten Weihnachtsgeschenken an und die Bueroleitung will uebernachste Woche allen Sekretaerinnen ein “un-official Xmas Support Team gathering” ausrichten. Und mein Horoskop berichtet, dass mein “joie de vivre is returning” und schlaegt vor, dass ich anfange, Franzoesisch zu lernen. Oder Yoga. Ich beschraenke mich erstmal darauf, die Waschmaschine zu zaehmen – ist second-hand, und die Bedienungsanleitung ist natuerlich nicht dabei. Habe eine halbe Stunde gebraucht, um den Ausknopf zu finden.

8. Dezember 2006
Dieser Dezember ist voll gepackt mit Excitement, Christmas Lights switch-on in Greenwich, Kino- und Theaterbesuche, “support staff gatherings” und die offizielle Weihnachtsfeier in einer Woche, vor der es mir echt graust, weil die Maedels alle total ausflippen und mich schon dreimal gefragt haben, was ich denn nun anziehe. Gestern abend ging es zu einer Weihnachtsfeier von Johns Deutschkurs, wir haben auch brav deutsche Lebkuchen und Christstollen mitgebracht, die es hier, man sollte es nicht glauben, bei Aldi und Lidl gibt. Andere brachten Vollkornbrot und Lyonerwurst mit (Sainsburys!), und so war es eine gute Mischung, vervollstaendigt durch Rittersport und Loewenbraeu. Heute habe ich meinen halben Tag “Christmas Shopping Leave”, und wir fahren nach Birmingham, zu Familienbesuchen, Friseurterminen, Weihnachtsmarktbesuchen und allgemeinem Christmas shopping. Obwohl ich die meisten Geschenke schon habe. Die Karten werden auch gerade verschickt, der Baum ist gekauft, wenn auch noch nicht geschmueckt, und die Christmas crackers werden dieses Jahr zu Silvester aufgemacht, da ich mich diesmal nicht traue, diese im Gepaeck nach Deutschland zu schmuggeln, wo wir ueber Weihnachten sein werden. Wir fliegen am Samstag, 23. Dezember nachmittags und kommen am Abend des 28. Dezembers zurueck. Und hoffentlich liegt kein Schnee.

Ganz London ist festlich geschmueckt, man sieht ueberall Lichter und Weihnachtsbaeume, und ein Gebaeude in der Naehe meiner Arbeitsstelle hat eine gesamte Schneelandschaft komplett mit Eisbaeren und schneebedeckten Baeumen aufgestellt. Unser Weihnachtsbaum im Buero ist eher klaeglich, und die Accessoires, die manche glauben, aufstellen zu muessen, relativ unsaeglich – ich sage nur tanzende Weihnachtsmaenner und musizierende Miniweihnachtsbaeume. Und alles blinkt natuerlich. Einen “Secret Santa”, sprich Wichteln gibt es dieses Jahr auch wieder. Hilfe, ich will hier raus!

Gestern fegte ein Tornado durch eine Strasse in Nordlondon, das hat mich an den Twister in Birmingham erinnert, der jetzt auch schon ueber ein Jahr her sein muss, da John da noch in Birmingham wohnte und sein geliebter Manta nur um Haaresbreite von einem umstuerzenden Baum verfehlt wurde. Es ist unglaublich regnerisch und windig momentan, ueberhaupt kein schoenes Wetter. Aber dafuer war es bisher unnatuerlich warm fuer die Jahreszeit.

11. Dezember 2006
Ein anstrengendes, aber erfolgreiches Wochenende! Freitag nachmittag ging es mit dem Manta los, erst zu seinem Bruder, um ein paar Geschenke und Karten loszuwerden, dann zu seinem Cousin Brian + Frau Geraldine, Gel genannt. Bei denen haben wir uebernachtet, und da wir beide total erschoepft waren, ging es frueh zu Bett.

Am naechsten Morgen ging es zuerst zum Friseur, dann in die Stadt zum deutschen Weihnachtsmarkt, wo wir Unmengen Geld fuer Essen, Lebkuchen etc. ausgegeben haben. Es ist mittlerweile wirklich kalt hier, und da Brum noerdlicher ist als London, waren es hier nochmal ein paar Grad weniger. Gott sei Dank hatte ich an Schal, Muetze und Handschuhe gedacht. Dann ging es noch ein paar Geschenke kaufen in Bhs und Debenhams (die beide 20% discount Tage hatten, was sehr praktisch war, da konnte ich aufs Billige noch die Kollegen versorgen), und in Waterstones, ein riesiges Gebaeude mit imposanter Kuppel, stand ein rotgewandeter Chor auf der Treppe und sang englische Weihnachtslieder. Richtig schoen, ich wollte gar nicht mehr gehen. Dann ging es zurueck zu Brian und Gel, um ihnen zwei Gluehweinbecher vom Markt zu ueberreichen, dann zu seiner Mutter ins Altenheim, die die Karte zweimal las, geruehrt war, dann samt Geschenk in ihre Tasche steckte, eine Minute spaeter wieder herauszog und erstaunt sagte “Wo kommt das denn her, von wem ist das, ist Muttertag?” Dann ging es zu seiner Schwester, die nicht da war, so konnten wir in ihrem Zimmer uebernachten. Wir wollten eigentlich noch ins Kino gehen, waren aber schon wieder viel zu kaputt. Bevor wir uns zu einem Fernsehabend zurueckzogen, ging es noch ins naechste Pub – ich liebe Pub Grub, und dieses Pub war keine Ausnahme. Das Essen war super, und die Kellnerin unglaublich freundlich und schnell.

Sonntag morgen ging es dann zu den Sunday markets, wo wir noch ein paar Schnaeppchen gemacht haben (ich besitze jetzt zwei Eisbaeren und einen Eisbaerenkalender, yippie), und dann bekam John einen Anruf vom Bruder, dass Aunty Gladys soeben die Christmas puddings fertiggestellt habe, und er koenne seinen abholen. Das nenne ich Timing! Also ging es auf zu Aunty Gladys, die so taub ist, dass sie statt zu reden schreit. Sie hoerte auch prompt die Tuerklingel nicht, worauf wir ums Haus rumgingen, wo die Kuechentuer offen war. Das nenn ich Vertrauen in deine Mitmenschen. “OH HELLO JOHN” bruellte Aunty Gladys, “LOVELY TO SEE YOU, DEAR!” Ich zog unwillkuerlich meine Muetze etwas weiter ueber meine Ohren, waehrend die zwei verhandelten, dass er einen grossen Pudding kriegt, da er selbst abholt, und dass er doch Dereks Pudding auch gleich mitnehmen soll. Also fuhren wir nochmal zu Derek, dem Bruder zurueck. Dann rief Neil, der Neffe an, der fuer John eine Software kopieren sollte. Die sei jetzt abholbereit. Da Neil erst kuerzlich umgezogen ist, dachte John, es sei schlau, zu Sandra, der Schwester zurueckzufahren, die wohne nicht weit weg und koennte ihm sagen, wo er hin muesse. Die war natuerlich jetzt nicht da, worauf John Neil anrief, der ihn leitete. Von den ganzen Verwandtenbesuchen und “I’ll put the kettle on, would you like a cuppa?” erschoepft, schlief ich prompt auf der Rueckfahrt ein, waehrend es draussen regnete und stuermte.

Mir sind an diesem Wochenende aber wieder ein paar sehr typische Sachen aufgefallen in englischen Haushalten:

Englaender haben keine Buecherregale. Einzig Johns Schwester scheint ueberhaupt Buecher zu besitzen. Wenn, dann hat man Vitrinen, in denen man sein Royal Doulton oder Wedgewood Geschirr zur Schau stellt.

Dafuer ist der Fernseher 24 Stunden am Tag an und laeuft als Geraeuchkulisse im Hintergrund, ob man nun hinguckt oder nicht. Und wenn Besuch kommt, wird der TV auch mitnichten ausgemacht. Als einziges Zugestaendnis schaltet man den Ton weg. Persoenlich finde ich sowas reichlich unhoeflich, aber die kennen das hier einfach nicht anders.

Dabei muessen Englaender staendig Besuch haben, wenn man nach der Anzahl Sofas in den Wohnzimmern schliesst. Nun sind englische Wohnzimmer verglichen mit deutschen sowieso zwergengleich, aber da werden unbekuemmert ein Dreisitzer, ein Zweisitzer UND ein Sessel reingepfercht, so dass fuer viel mehr als einen Fernseher sowieso kein Platz bleibt. Johns Schwester hat mit ihrem Mammutsofa den Zugang zum Garten versperrt, aber wer braucht schon einen Garten?

Englaender lieben gestreifte Tapeten in dunklen Farben und Netzvorhaenge. Und sie sind staendig am Dekorieren. In ausnahmslos allen Wohnungen wurden gerade entweder Waende gestrichen, Vorhaenge gefaerbt, neue Kuechen oder Treppen eingebaut oder ein “ensuite bathroom” errichtet. Zwei Haushalte hatten gerade neue Sofas gekauft, waehrend die anderen zwei kurz davor standen, die alten hinauszuwerfen (die zugegebenermassen scheusslich waren, aber die neuen waren auch nicht besser). Neil in seiner neuen Wohnung hat tatsaechlich mal die moderne Schiene versucht mit beigen Waenden und hellem Sofa, aber dann ruinierte er den guten Eindruck wieder, als er sagte “Und in diesem Zimmer werden wir eine Wand purpur streichen und einen schwarzen Drachen draufmalen.” Und sein Wohnzimmer war ausser mit Riesensofa noch mit einem langen Tisch und 6 Stuehlen vollgestellt, obwohl sie da zu zweit wohnen und in der Kueche schon ein runder Tisch mit vier Stuehlen steht. Erklaer mir mal einer die Englaender.

12. Dezember 2006

Habe gestern die erste Weihnachtskarte einer Buerokollegin erhalten. Am Wochenendegab’s schon ein paar Karten von Johns Verwandten, aber die sehen wir ja nun nicht mehr bis ins neue Jahr. Dann fiel mir ein, dass ich meine Karten auch schon vor dem Wochenende weggeschickt habe, irgendwie faengt Weihnachten in England frueher an als anderswo. Als ich noch klein war, wurde der Baum auch nie vor dem 23. Dezember aufgestellt und geschmueckt, hier faengt man damit Anfang Dezember an. Aber die Kollegen muessen bis naechste Woche warten, das ist noch frueh genug fuer die Bande.

Gestern sass ich in der DLR auf dem Weg nachhause und las muede mein LondonLite, habe also die Gruppe kichernder Maedels nicht weiter beachtet, die im Gang rumstanden. Bis eine mich ansprach. “Beate, hi, how are you doing?” Es war meine ehemalige Nachbarin Charlotte,die gerade mit einer Horde Freundinnen auf dem Weg zum Kino war. “Ach”, sag ich “The Holiday” wollte ich auch noch angucken.“ Da meinte sie “Komm doch einfach mit, wir haben noch eine Karte uebrig”. Nach etwas Zoegern habe ich zugestimmt und John angerufen “Aeh, ich geh ins Kino mit Charlotte, sie hat mich gerade gefragt.” Kam es total beleidigt zurueck “Oh I see, and I am not invited then?” Hab ich gesagt, wenn es ihm nichts ausmacht, mit ca. 9 Frauen in eine romantic comedy zu gehen, ist er herzlich eingeladen. Er hat sich also in den Sattel geschwungen und es stellte sich heraus, dass zwei, nicht nur eine Karte uebrig war, dieses Problem war also geloest. Ihm hat der Film sogar gefallen. Ich fand ihn etwas suesslich, obwohl Kate Winslet immer gut ist.

Meine Hasskollegin heiratet am 12. Januar (keine Ahnung, warum gerade dann, und es wurde auch erst vor 4 Wochen oder so beschlossen), und nachdem ich mir jetzt schon die ganze Zeit ihre Geschichten rund um die Hochzeit anhoeren muss, vor allem wie die boese deutsche Schwaegerin versucht, ihre Hochzeit umzuorganisieren, bin ich doch tatsaechlich zum Abendempfang eingeladen worden. Na ja, in Putney war ich noch nie, und John darf auch mitkommen, obwohl ich nicht weiss, ob das so gut ist, er hat naemlich mal geschworen, ihr eine zu semmeln, als ich ihm von ihr erzaehlt habe, und das kaeme an ihrem Hochzeitstag wohl nicht so gut. Und Constanze hat gedroht, mich zum Kleiderkauf in M&S zwangszuverpflichten – HILFE!

13. Dezember 2006
Nur noch zwei Tage bis zur Weihnachtsfeier und alle drehen sie durch. “Was ziehst du an, was machst du mit deinem Haar, ich lass mir noch die Augenbrauen zupfen und faerben, guck mal meine Schuhe, schwarz mit Spitzen….” etc. Constanze-“wann gehen wir einkaufen?”-Verraeterin will mich immer noch in ein Kleid stecken, und ich fange demnaechst an, die Herren zu fragen, welche Krawatte sie tragen werden! Himmel nochmal! Reicht doch schon, dass es zwar um 11.30 in Taxis losgeht, aber vor 14 Uhr kein Essen gibt und ab 18 Uhr eine Bar am Leicester Square gebucht wurde, damit man sich so richtig besaufen kann, falls man das vorher nicht schon geschafft hat. Dann gingen auch heute die Menus rum, damit man sich schon was aussuchen kann. Als Hauptgericht stehen zur Auswahl entweder ein Riesen beef steak, ein ganzer Lobster oder “turkey with all the trimmings”. Und zum Nachtisch Bread and butter pudding oder Christmas pudding. Huch. Gott sei Dank wurde im Email noch ein vegetarisches Menu erwaehnt, nach dem ich mich dann zaghaft erkundigt habe, und das etwas weniger heftige Optionen enthaelt: Tomato and mozzarella salad, homemade flans with mushroom, asparagus and spinach, und zum Nachtisch crème caramel, ice cream oder strawberries with cream. Puh. Gerettet.

21. Dezember 2006
Gott sei Dank, die Weihnachtsfeier ist ueberstanden. Empfehlen kann ich dieses schnieke West End Restaurant leider nicht – die waren desorganisiert, unprofessionell und unfreundlich, wir sassen total zusammengedraengt an einem langen Tisch, und zu allem Ueberfluss war das Essen auch noch nicht mal so toll. Ich hatte Crème Caramel bestellt, aber kurz vor den desserts wurde mir ploetzlich mitgeteilt, dieses sei ihnen ausgegangen. Wie kann einem Restaurant etwas ausgehen, was 2 Stunden vorher bestellt wurde! Hab ich halt Erdbeeren mit Sahne bestellt. Die ploetzlich alle anderen auch wollten, weil deren Nachtisch nicht so toll war. Das hat die Kellner total aus dem Konzept gebracht. “Aber sie haben doch schon was!” Daniel hat als einziger den Hummer bestellt, und da er keine Ahnung hatte, wie man den isst, kamen von allen Seiten die Tips, mit welchen Instrumenten er das Fleisch wie rauspulen soll. Und der Boss dachte, es sei total komisch, als arabischer Scheich verkleidet rumzusitzen. Bloss weil er kurz vorher geschaeftlich in Dubai war und da billig ein Kostuem erstanden hat.

Die Leutchen im Buero haben jetzt ihre Geschenke gekriegt sowie den obligatorischen Lebkuchenmann vom Weihnachtsmarkt in Brum. Ein Paket voller Geschenke kam am Montag an von einem Kunden in Deutschland, und fuer Constanze und mich lagen deutsche Weihnachtsplaetzchen dabei! Mir war gar nicht klar, wie gluecklich mich sowas machen kann. Constanze stiess auch einen Jubelschrei aus, als sie ihre sah. Von einer Kollegin gab es einen kleinen Eisbaeren, und von der Firma Champagner und eine Halskette. Ueber mein Secret Santa-Geschenk huellen wir besser den Mantel des Schweigens.

Am Samstag gab es vor dem Rowing Club eine Schlaegerei, als aus dem benachbarten Community Centre etwa 20 Jugendlich rausstroemten und mit einer Party aus dem Club zusammenprallten. Zwei von denen hielten sich nachher den Kopf, und es war eigentlich ganz unterhaltsam zu sehen, wie die Polizei, die ich gerufen hatte, versuchte, Ordnung zu schaffen und die zwei Rowdies zu beruhigen. “Mann, jedes Mal, wenn ich auf das Pflaster druecke, kommt mehr Blut” klagte der eine und hielt sich den Kopf. “Okay, wir fahren dich zu Whitechapel Hospital”. Fragt der zweite “Koennt ihr mich mitnehmen?” Die zwei ganz entruestet “Nein, wir sind kein Taxi Service!” “Aber es liegt doch auf dem Weg!” In diesem Moment springt der erste wieder aus dem Polizeiwagen raus und die Polizistin wirft die Haende gen Himmel “Herrje, ihr zwei Trunkenbolde, einigt euch mal, wo ihr hinwollt, wir fahren jetzt, wenn’s schlimmer wird, ruft ne Ambulanz”. Kurz nach 2 Uhr war dann endlich Ruhe.

Nur noch ein Arbeitstag bis zum Weihnachtsurlaub. Am Samstag geht der Flieger. Hoffentlich ueberstehe ich diese Woche, John fing sich Freitag eine Erkaeltung ein und hat die mittlerweile an mich weitergegeben. Typisch, knapp vor Weihnachten. Er schnieft und kraechzt rum und ich war Dienstag und Mittwoch auch bettlaegerig. Zu allem Ueberfluss liegt dicker Nebel ueber London, und die Haelfte aller Fluege aus Heathrow ist gestrichen. Wir fliegen zwar von Stansted aus, aber ich mach mir doch jetzt Sorgen. Constanze sitzt gerade am Flughafen dort und wartet auf ihre verspaetete Maschine. Und ich hab gerade mal wieder die Laermpolizei gerufen wegen des Rowing Clubs.

22. Dezember 2006
Na super, guckt man auf www.baa.com, steht da „Stansted is experiencing delays of up to 30 minutes, but there are no cancellations.“ Wenn man dann auf den Departure Link klickt, kommen jede Menge Cancellations, darunter beide Friedrichshafen Fluege (hin und zurueck) heute abend. Das stimmt mich toll ein auf morgen, wenn ich mein Glueck nach Friedrichshafen versuche. Anders kommen wir sowieso vor Weihnachten nicht mehr rueber, der Eurostar ist ja wohl auch schon so gut wie ausgebucht, und eine kleine Weltreise waere das auch. Scheissnebel. Und das GENAU zu Weihnachten. Na ja, vielleicht komme ich ja tatsaechlich dieses Jahr in den Genuss des weihnachtlichen englischen Fernsehprogramms.

Autor: Beate
Beateher@yahoo.com

*****

Eigene Beiträge einreichen? Mailen Sie Texte und Bilder an feedback@tiergeschichten.de
Weitere Tiergeschichten gibt es hier: http://www.tiergeschichten.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2008/09/23/mind-the-gap-4c/

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.