Tierfilmer – oder: Das Fernsehen war da …

Es war ein zauberhafter Tag, Donnerstag, um genau zu sein, der Feierabend nahte, unser Büro hatte (tatsächlich mal) alles vom Tisch und wir frönten der Robinson-Philosophie: warten auf Freitag, als mich das Läuten des Telefons aus dem Kreise meiner Kollegen und weg von unserem Last-Minute-Kaffee riss. Wer wollte denn da fünf Minuten vor Feierabend noch was??

Meine Freundin. Gerade hätte bei ihr eine Filmproduktionsfirma angerufen, die auf der Suche nach einem Haufen Kitten – Abteilung fix-niedlich, schön bunt und möglichst wuschelig – für eine Fernsehsendung waren. Ich hätte da doch gerade 14 Stück in aller Herren Länder Farben, die auch noch aussahen wie aufgeplatzte Sofakissen. Das wäre doch mal was und ob sie meine Telefonnummer weitergeben dürfte?

Nun, ich hatte zwar aus einer Beziehung relativ viel Erfahrung mit Filmteams, allerdings waren aufgrund vieler verstrichener Jahre auch relativ viele Erinnerungen entweder gänzlich verschwunden oder hatten ihren unguten Beigeschmack verloren. Dies im Vorwege. Zwar riss es mich irgendwie nicht komplett vom Hocker ob der Aussicht, ein Kamerateam in meine heiligen Hallen zu lassen und ich wusste auch wirklich nicht, wie meine Fellgang auf Anschläge solcher Art reagierte, aber ich dachte mir: „Reklame muss auch mal sein“ und gab die Genehmigung, meine Telefonnummer weiterzugeben.

Ungemein beruhigend war dann der Anruf der Firma am nächsten Tag. Man fragte mich über Katzen und Wohnung aus und informierte mich, dass man gedenke, mit einem kleinen Team zu kommen. So gegen 8 Uhr und man würde auch sicher nicht mehr als drei bis vier Stunden brauchen. Höchstens! Auch würde man alles Notwendige mitbringen, ich bräuchte mich um nichts zu kümmern, bla, bla, bla… Ach so, ein kleines Honorar würde es auch geben, lockte die Stimme.

Spätestens hier hätten bei mir alle Alarmglocken dieser Erde losgehen müssen: Ein KLEINES Team, welches maximal 3-4 Stunden für Dreharbeiten mit einer Katzenhorde brauchen will, nichts umräumt und alles mitbringt?? Never ever – das gibt’s beim Film nicht. Niemals!

Foto: © creative foto (Michael Hirschka) / pixelio

Aber die Alarmglocken läuteten nur zart: Filmteams gelten als äußerst verfressen und haben niemals ihr Pausenbrot dabei. Man muss sie also füttern und tränken. Weiterhin pflegen sie mit größerem Equipment anzureisen, bauen mit Vorliebe Tatorte – ähem – Motive um und schütten sich literweise Kaffee in den Bauch.

Wird schon werden, dachte ich, und besorgte erstmal 25 Brötchen nebst dem dazugehörigen Belag, 3 Pfund Kaffee, ordentlich Milch und Zucker, Plastikgeschirr sowie einen Kasten Kaltgetränke. Außerdem pumpte ich mir beim Nachbarn eine zweite Kaffeemaschine. Besser ist’s. Weiterhin räumte ich den Flur leer und legte – vorsichtshalber – 2 Ersatzrollen Klopapier aus. Die Alarmglocken schlugen nun doch etwas heftiger; Erinnerungen an vergangene Dreharbeiten kamen zurück.

Dann klingelte es und das kleine Team rückte an. Das kleine Team bestand aus ca. 8 – 10 Leuten und einer LKW-Ladung Lampen, Kabel, Kameras, Stativen und, und, und… Die meisten meiner großen Katzen machten sich eiligst vom Acker und bunkerten sich in Büro und Gästezimmer ein. Kater Speedy untersuchte akribisch jedes hereingebrachte Stück und wuselte – getarnt als helfende Pfote – den Leuten zwischen den Beinen herum. Auch ein paar von den Kleinen ließen sich von der hektischen Betriebsamkeit nicht abschrecken und krabbelten in Kisten und Kästen herum. Ich schmierte schon mal die Brötchen und ließ eimerweise Kaffee durchlaufen.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, traute ich meinen Augen nicht. Die ganze Bude war umgeräumt! Im Chaos tummelten sich zwischen Scheinwerfern, Kabeln und Kratzbaum ein paar Lütte, Speedy lang ausgestreckt in irgendeinem Koffer.

Inzwischen war es 11 Uhr geworden und die Arbeiten sollten nun beginnen. Allerdings mussten erstmal die Brötchen verkonsumiert und mit Kaffee heruntergespült werden.

Irgendwer vom Team kam auf die glorreiche Idee, dass es niedliche Bilder gäbe, wenn man die Kleinen beim Wurstklauen vom Brötchen auf dem Tisch drehen würde. Gesagt, getan. Ich organisierte also vier Welpen, setzte diese auf den Tisch vor einen Teller Brötchen und versuchte, ihnen im Schnelldurchlauf den ruchlosen Raub menschlicher Nahrung einzutrichtern. Speedy half, indem er auf meiner Schulter saß und mit der Pfote angelte, die Lütten schauten völlig ratlos drein.

Dafür klappten dann die Spielszenen auf dem Kratzbaum reibungslos und auch die Nummer ‚Katze aus der Kiste’ (alle Kinder in eine Spielhöhle stecken, zuhalten und dann auf Kommando heraushüpfen lassen) war auch nach einigen Versuchen – bei denen sich einige Teammitglieder im Katzen fangen üben durften – im Kasten.

Nach erneutem Umbau des Tatorts Wohnzimmer, der restlosen Vernichtung von Brötchen und Kaffee hatte das Team so gegen 18 Uhr wohl genügend Filmmaterial von spielenden, Wurst klauenden, tobenden und balgenden Katzenkindern zusammen – Gott sei dank! (Wir erinnern uns: max. 3 – 4 Stunden, Beginn 9 Uhr…) Auch das Motiv ‚Kater auf Dosenöffners Schultern herumgetragen’ war nun hinlänglich erschöpft und ich dachte an Feierabend.

Nun begannen auch meine Kitten zu schwächeln und bedurften dringend eines Schläfchens. Dazu zogen sie sich – einer nach dem anderen – ins Schlafzimmer auf’s Bett zurück, was ein Teammitglied mit höchstem Entzücken zur Kenntnis nahm. Resultat: Keineswegs Feierabend. Der Umzug in’s Schlafzimmer wurde eingeleitet. Motiv: Kitten beim pennen. Auch das klappte prima trotz blendender Scheinwerfer und surrender Kamera – die Lütten waren einfach nur platt und schliefen den Schlaf der Gerechten.

Gegen 20 Uhr kam dann noch irgendwer auf den Spleen, ich könnte mich ja auch in die Koje zu den Katzen legen und so tun, als ob ich schliefe. Vorstellung des Teams: Sabine wirft sich in den Schlafanzug und begibt sich zur Ruhe. Mang die Kitten.

Hier habe ich dann gestreikt. Massiv! Die sollten meine Katzen filmen, nichts anderes. Ich wollte doch den Zuschauern keine visuelle Körperverletzung angedeihen lassen!!

So ungefähr um 21 Uhr war der Spuk dann vorbei. (Wir erinnern – max. 3-4 …) Der Lohn der ganzen Aktion: Eine auf links gekrempelte Wohnung, 50 Euro ‚Gage’ (die bei weitem nicht den Bedarf des Teams an Fourage und Getränken abgedeckt hatten), aber ein Haufen selig durchschlafender Kitten. Wenigstens etwas.

Eine Woche oder so später klingelte das Telefon – die Produktionsfirma. Ob sie denn noch mal zum Drehen vorbei kommen könnten??

Ich habe dankend aber entschieden abgelehnt.

Die größte Enttäuschung kam dann bei der Sendung. Hatte man mir doch versprochen, den Zwingernamen zu nennen, so sah halb Deutschland zwar wenige Minuten lang einen quirligen Haufen niedlicher Coonie-Kinder, wusste aber keinesfalls, wo die herkamen. Soviel zur Werbewirksamkeit.

Einige Zeit später sah ich meine Fellknäuel dann nochmals im TV. Ohne Absprache oder Genehmigung von mir wurden die Wurstklau- und Bettbilder in einer Sendung über Hygiene und Haustiere gesendet. Hier war ich dann heilfroh, dass es keine Namensnennung gab! Was aber wäre gewesen, wenn ich die Schote mit dem ‚ins Bett gehen’ mitgemacht hätte? Au weia! Ich wäre zum Dorfgespött avanciert und hätte mich wahrscheinlich wochenlang nur noch vermummt ins Freie getraut… Das arme Schwein, dass sich hat überreden lassen, mit seinem Hausschwein schlafen zu gehen! In dessen Borsten – äh Haut – möchte ich nicht stecken.

Fazit: Dreharbeiten – wenn überhaupt – nur noch mit meterlangen Verträgen, einer ordentlichen Aufwandsentschädigung sowie einer echten Gage für die Katzen.

Autor: Sabine Pönitsch
sabine-poenitsch@arcor.de

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