Brunos Wege

Ich liebe Bruno. Wenn ich ihn einen oder zwei Tage nicht sehe, schlafe ich schlecht. Wer weiß, auf welchen dunklen Pfaden er wieder wandelt und ob ihm nicht etwas passiert ist? Er neigt zum Herumtreiben, hat das Vagabundieren im Blut. Und ich kann ihn nicht an Haus und Hof binden, nur versuchen, es ihm angenehm einzurichten.

Aber im Grunde ist er es, der mir nachläuft – im wahrsten Sinne des Wortes. Ober er mich auch mag? Ich weiß es nicht. Er wirft sich an so manche Frau heran, die ihm ein bisschen schön tut.

Wenn ich zum Reiterhof gefahren bin und das Auto im Karree der Stallungen geparkt habe, kommt er mit wissendem Katergesicht und steil erhobenem Schwänzchen auf mich zu. Ewig wird es sein Geheimnis bleiben, woran er meinen Wagen erkennt. Jedenfalls täuscht er sich nie.

Seine Begrüßung ist herzlich, aber nicht übertrieben. Ein freundlich gewölbter, graugetigerter Rücken drückt sich ein, zwei Mal an meine Beine. Ein leises „Mau“ mit kurzem ,Hallo-Blick’ aus bernsteinfarbenen Augen. Nicht immer kann ich sein dezentes Willkommen ebenso erwidern, vor allem dann nicht, wenn er mir gerade eine unruhige Nacht bereitet hat.

„Da bist du ja endlich!“ Ich nehme ihn auf den Arm, lege meine Wange einen Moment an seine und höre glücklich sein beseeltes Schnurren. Da ich weiß, dass er meine allzu auffälligen Liebesbezeugungen nicht mag, setze ich ihn rasch wieder auf den Boden. „Hast du Hunger?“, gehe ich zu den elementaren Dingen des Lebens über.brbr,Aber klar’, antwortet Bruno, indem er in den Stall zu meinem Spind vorläuft, wo sich die Packung mit seinem Lieblingsfutter befindet. Ich fülle das Schälchen, schaue eine Weile zu, wie es ihm schmeckt.

Oft sehe ich Bruno nach dem Reiten nicht mehr. Meistens aber liegt er, wenn ich mein Pferd abgesattelt habe, schlafend auf dem großen Strohballen und ich kann ihn noch ein wenig beschmusen, ohne dass er munter wird.

Und dann gibt es diese Tage, an denen er es wissen will. Nie, wenn ich motorisiert da bin, nur dann, wenn ich zu Fuß komme. Er läuft mir nach.

Ich verlasse den Hof, biege um die Ecke auf den Feldweg und auf einmal springt hinter der Hecke lautlos ein kleiner grauer Irrwisch hervor. Schaut hocherfreut zu mir auf: Ich komme mit! Wie findest du das?

„Das geht nicht, Bruno! Bleib besser hier. Die Straße ist zu gefährlich.“

Er widerspricht mit lang gezogenem Murren. Während ich meine Schritte beschleunige, setzt er mir im schnellen Katzentrab nach. Bleibe ich stehen, stoppt auch er, umkreist meine Beine. ,Du wirst mich nicht los’, lese ich in seinem Blick. Manchmal renne ich ein Stück; er galoppiert hinterher bis er hechelt. Dann tut er mir Leid und ich werde langsamer.

Spaziergänger, die uns begegnen, lachen und zuweilen erzähle ich ihnen, was es mit diesem merkwürdigen Verfolgungsspiel auf sich hat. Bruno setzt sich daneben und hört zu. Den Schwanz artig um die Vorderpfoten gelegt, unschuldiges Gesicht, nach vorn gerichtete falbgraue Öhrchen. Ich könnte ihn knuddeln!

In neun von zehn Fällen gelingt es mir, meinen kleinen Schatten abzuhängen. Durch einen entgegen kommenden großen Hund zum Beispiel. Der flößt Bruno Respekt ein und er geht in Deckung. Ein herannahendes Auto erfüllt den gleichen Zweck.

Aber ein, zwei Mal hat Bruno gewonnen, ließ sich nicht abschütteln, trippelte – jedes Tempo mithaltend – auf weichen Katzenpfoten über den Weg, mir nach, durch die kleine Siedlung und zum Schluss über die Straße, wegen der mir so bang ist um ihn. Da standen wir schließlich beide vor der Eingangstür des Mietshauses, in dem ich im Parterre wohne.

„Und nun, Bruno?“ Interessiert untersuchte er die Duftmarken im Vorgarten. Er dachte nicht daran, den Heimweg anzutreten. Ich holte das Auto aus der Garage, schnappte ihn und mit einem keinesfalls beunruhigten, bestenfalls ein wenig irritiertem Beifahrer fuhr ich zurück zum Stall.

Bruno ist wirklich ein klasse Kater! Wenn er nur häuslicher wäre …
Gestern war er wieder nicht da, als ich auf den Hof kam, und auch den ganzen Tag von niemandem dort gesehen worden. Viel geschlafen habe ich daher nicht in dieser Nacht. Als die Vögel zu singen begannen, bin ich noch einmal eingeschlummert.

Ein Laut weckte mich, ließ mich hochfahren. Hatte eine Katze gerufen?
Draußen dämmerte es, die Zeit zwischen Nacht und Tag. Zwischen Traum und Wirklichkeit.

Wieder das Miauen, deutlicher, lauter. Bruno?
Ich sprang aus dem Bett. Ein Schatten hinter dem Fenster, ich öffnete es.
Tatsächlich – mein kleiner Schatten! Sein Fell ganz morgenfeucht, sein Schnurren euphorisch laut. Die Begrüßung fiel diesmal beiderseits überschwänglich aus.

Ich glaube, er mag mich wirklich.

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© Elke Schleich, Dezember 2003

Autor: Elke Schleich
ElkeSchleich@aol.com
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1 Kommentar

    • theo schulz on 3. Februar 2007 at 17:21
    • Antworten

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem Kater und der wunderschön erzählten Geschichte.Theo Schulz

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