Fledermaus Karl – Ein naturkundliches Märchen, Teil 2

Auch während des Marsches war Karl ein gelehriger Schüler, eigentlich war er das ja immer, nur Egon hatte hin und wieder etwas zu nörgeln und zu bekritteln. Das war nicht ganz gerecht, denn Karl saugte geradezu auf, was ihm sein Freund erklärte. Dabei kam er aber auch langsam zur Überzeugung, dass das Leben nicht nur schön, sondern eine ununterbrochene Aneinanderreihung von Gefahren war. Immerhin, diese Zwischenfälle waren weniger gefährlich, wenn man über sie Bescheid wusste. Egon machte ihn zum Beispiel auf eine Ringelnatter aufmerksam, die in geschmeidigen Schlängelbewegungen auf das Ufer des Teichs zu kroch. Die gelben Halbmonde am Kopf zeichneten sich deutlich vom schlanken, dunklen Körper des Tieres ab. Jetzt musste wohl der Wasserfrosch zeigen, was er über Gefahren gelernt hatte.

Karl wollte wissen, ob es in der Gegend viele Schlangen gäbe und welche und wie große und wie gefährliche und wie … . Aber da wusste Egon auch nicht so genau Bescheid. Er nannte die Glattnatter, die Äskulapnatter und die Kreuzotter, von diesen Schlangen hatte er jedenfalls gehört, sie aber nicht alle gesehen, Gott sei Dank, wie er meinte, denn ein Mäuslein findet schon einmal seinen Weg in einen Schlangenmagen. Welch ein Zufall, schon wieder tauchte eine Schlange auf. Sie bewegte sich ebenfalls in Windungen fort, aber lange nicht so geschmeidig wie die Ringelnatter. Ihre Schuppenhaut glänzte in der Sonne, dass es beinahe blendete. Eine Blendschlange also. Egon musste lachen. „Fast erraten“, sagte er, „keine Blendschlange, eigentlich überhaupt keine Schlange sondern eine Eidechse, eine ohne Beine halt. Aber sie heißt so ähnlich, wie du sie genannt hast, nämlich Blindschleiche, was wirklich von Blendschleiche kommt. Blind ist das Tierchen ganz und gar nicht, im Gegenteil, es sieht sogar sehr gut. Es kann den  S c h w a n z  bei Gefahr abwerfen wie die Eidechsen, es hat Augendeckel wie eine Eidechse, ja hat ein Trommelfell und kann daher hören, muss das Mäulchen beim Züngeln etwas öffnen wie die Eidechsen, hat …“ . „Halt, halt, halt!“, fuhr Karl dazwischen, „so genau will ich das gar nicht wissen. Glaubst du, ich habe ein Computerhirn?“ Karl stutzte. Hatte er nicht gerade Computerhirn gesagt. Woher kannte er diesen Ausdruck? Sehr seltsam!

Die Blindschleiche zog ebenfalls ihres Weges, verkroch sich wieder im Laub, wo die Aussicht auf einen fetten Regenwurm oder eine Nacktschnecke nicht schlecht war.

Und weil ein Zufall selten alleine passiert, machten sie schon eine Stunde später wieder Bekanntschaft mit einem Reptil, diese Mal war es eine Kreuzotter. Der Wald war hier durch eine Wiese, eine Lichtung also, aufgelockert, so konnte die Sonne prall auf die Steine und auf das Himbeer- und Brombeerdickicht scheinen. Auf einer der Steinplatten lag die Kreuzotter und wärmte sich auf. Die Viper brauchte die Sonnenwärme, sonst wäre sie zur anstrengenden Suche nach Mäusen nicht fähig gewesen.

Karl war nicht wohl in seiner Haut. Er bangte vor allem um Egon, schließlich war der eine echte Maus und damit für eine Kreuzotter höchst interessant. Egon aber beschwichtigte: „Mäuse, die die Schlange zuerst gesehen haben und nicht umgekehrt, sind überhaupt nicht in Gefahr. Sie müssen nur schauen, dass sie ihr nicht vor dem Kopf hin und her laufen oder zumindest nicht in die Nähe kommen. Schlangen hören zwar so wenig wie eine Taubnessel, nämlich überhaupt nichts, aber sie können mit ihrer Zunge, ja, mit dieser, hervorragend riechen und mit ihren starren Augen auch alles, was sich bewegt ganz gut sehen“. Das war eine ordentliche Belehrung von Oberlehrer Egon. Sie krabbelten weiter, eine halbe Stunde oder so und staunten nicht schlecht, als ihnen die Kreuzotter, es war ganz sicher die vom Stein, wieder begegnete. Dieses Mal sah sie irgendwie verformt aus.

„Oh je“, sagte Egon, „da hat es einen Verwandten erwischt. Er deute auf die Verdickung hinter dem Hals und klärte Karl auf, dass da gerade eine Maus die Speiseröhre hinunter in den Magen gedrückt wurde.

Nachdem sie die Lichtung verlassen hatten, wurde es von einem Moment zum anderen dunkel und seltsam still. Kein Vogelruf war zu hören, nichts und niemand hüpfte durchs Geäst, der Pflanzenwuchs zwischen den Bäumen wurde immer spärlicher, die ganze Gegend machte einen trostlosen, unnatürlichen Eindruck und schien wie ausgestorben. Sie waren in eine Fichtenschonung gelangt, nichts als Fichten, Fichten, Fichten und wieder Fichten. So ein Wald würde nie natürlich wachsen, so ein Wald war vom Menschen aufgeforstet. Vor allem die Vögel mieden die Gegend. Das hatte für den Wald aber einen höchst unangenehmen Nachteil. Hatte sich nämlich erst einmal ein Schadinsekt eingenistet, konnte es sich ungehindert und in Massen vermehren. Eigentlich gibt es auf dieser Welt kein schädliches Lebewesen. Zum Schädling wird ein Tier oder eine Pflanze nur dann, wenn der Mensch irgendetwas aus dem Gleichgewicht bringt. Egon sagte immer: „Wenn die Menschen drein pfuschen“. In diesem Waldstück konnten sich Käfer, die in der Fichtenrinde lebten, prächtig vermehren.

Ein entwurzelter Baum lag quer über dem Weg, wahrscheinlich hatte ihn ein heftiger Windstoß umgeworfen. An einigen Stellen fiel seine Rinde schon ab und die schaute an der Innenseite recht eigenartig aus.

„Was ist denn das, schaut aus wie eingekerbt?“, fragte Karl. Egon erklärte ihm die Arbeit der Fichtenborkenkäfer und deren Larven ganz genau, er lernte, was Muttergänge und Puppenwiegen waren, und erfuhr so, warum dieser winzige Käfer schädlich, schädlich für die Fichten nämlich, werden konnte.

 

Käfer oder andere Insekten, die im oder am Holz lebten, konnten nur in Wäldern wie diesen großen Schaden anrichten. In gemischten Wäldern, also Forsten mit Laub- und Nadelbäumen, mit Büschen und Sträuchern, gab es genügend Vögel, Ameisen und andere Wesen, die auf ein gesundes Gleichgewicht achteten. Was Egon da sagte, klang schon sehr nach Schule, war aber für Karl höchst interessant.

Nach einiger Zeit wurde es wieder etwas heller, von Zeit zu Zeit fiel ein Sonnenstrahl durch das Geäst und es tauchten auch wieder Büsche und Bäume mit richtigen Blättern auf. Vogelstimmen waren wieder zu hören und so mancher Schatten huschte in den Bäumen oder auf dem Boden dahin. Das war zwar nicht mehr so langweilig wie vorher, man musste aber wieder vermehrt auf der Hut sein.

Plötzlich rief Egon erfreut aus: „Super, wir haben nicht mehr weit zu deinem Haus, es muss schon ganz in der Nähe sein!“ Karl schaute verständnislos drein und Egon deutete auf einen Vogel, der sich da vor ihnen auf einem Stein offensichtlich etwas ausruhte. „Hörst du das ,Schilpschilp’, das ist ein Spatz, ein Hausspatz. Na, was sagt dir das?“, fragte Egon. Es sagte Karl gar rein gar nichts. Hierher käme höchstens ein Feldspatz, der mit dem Fleck auf der Wange, ein Hausspatz aber nicht, erläuterte Egon näher.

Was Herr Professor Egon sagte, stimmte wirklich, Hausspatzen entfernen sich wirklich nie sehr weit von Häusern. Sie haben sich schon sehr weit an die Menschen und ihre Umgebung angepasst.

Freundlich sprach Egon den Spatzen an: „Herr Sperling, wie weit ist es noch bis zu dem Haus am Waldrand da drüben?“ Der Vogel schaute das Paar verwundert an: „Wenn ihr nicht Tempo zulegt, seid ihr in zwei Jahren noch nicht dort!“ Er hatte die zwei herankommen gesehen und was er da sah, bot ein jämmerliches Bild. Dann lachte er aber: „Nein, nein, es ist gar nicht mehr weit, aber passt auf, ich habe gerade einen Marder gesehen, der dort zwischen den Steinen und Felsbrocken auf Jagd aus ist“. Damit flog er ohne einen weiteren Piepser davon.

Wie nicht anders zu erwarten, erhielt Karl ungefragt eine Lektion über Marder, Wiesel und Dachse, die ja alle eine Verwandtschaft sind. Das einzige, was Karl nach dieser Belehrung noch beruhigte, war die Tatsache, dass er eine Fledermaus war. Von Fledermäusen als Bestandteil der Nahrung war nicht die Rede. Egon war kaum fertig mit seinen Ausführungen, als sie – und das ist nicht gelogen, auch wenn es so scheint – schon auf eine eigenartige Spur stießen.

„Hm“, meinte Egon, unser Plattfuß ist da gelaufen“. Karl wusste natürlich nicht, wer mit dem Plattfuß gemeint sein konnte. Dass es der Dachs, eine echter Plattfuß, also ein Sohlengänger war, war ihm ziemlich egal. Erst als ein riesiger Kopf vor ihm auftauchte, begann er doch vor Angst zu zittern.

Der Dachs hatte aber anderes im Sinn und trollte sich. „Meister Grimmbart ist gar nicht so übel“, stellte Egon fest. Er lachte, als Karl fragte, wer denn das wieder sei. Die Fledermaus wusste einige Sekunden später, dass der Dachs im Märchen und von den Dichtern Grimmbart genannt wurde, er wollte aber Egon nicht sagen, dass ihm das vollkommen schnurz war.

Vorsichtig, nach allen Seiten hin ausschauend, setzten sie ihren Weg fort. Sie wussten, es konnte nicht mehr weit bis zu den Menschen sein. Trotzdem, Karl musste immer öfter eine Rast einschalten, zu groß waren die Schmerzen. An einen neuerlichen Flugversuch war nicht zu denken. Auch Egon war müde. Bei der nächsten Rast legte er sich etwas zur Seite und schlief augenblicklich ein. Der Anblick war köstlich. Egon durfte sich wirklich nicht über Karls Zähne lustig machen. Sein Nagergebiss schaute einfach drollig aus.

Hin und wieder hätte auch Karl gerne so ein Gebiss mit zwei Nagezähnen unten und zwei oben gehabt. Damit ließen sich vortrefflich Käfer knacken. Das konnte er auch, aber Äste abbeißen? Das würde einer Fledermaus nie gelingen. Während er so über Gebisse im Allgemeinen und über Egons Beißerchen im Besonderen nachdachte, schlief auch Karl ein. Er träumte von winzigen Tierchen, die über ihn hinweg krochen, ihn in die Flughaut bissen und an der Nase kitzelten. Da schreckte er plötzlich aus dem Schlaf und führte darauf hin einen eigenartig hüpfenden Tanz auf. Egon und Karl hatten sich direkt vor einem Ameisenhaufen zur Ruhe begeben und das passte den emsigen Tierchen wohl nicht. Sie bissen zu und spritzten Säure in die kleinen Wunden. Das brannte dann, wie auch Menschen nur zu gut wissen, höllisch. Egon war wegen seines dichten Felles nicht so betroffen, doch schaute auch er säuerlich drein.

Nachdem alle Ameisen abgeschüttelt waren, klangen auch die Schmerzen schon wieder etwas ab und es war unvermeidlich, dass Karl eine Lektion über die Nützlichkeit der Ameisen erhielt. „Nützlich, sagst du?“, meinte er gleich zu Beginn, passte dann aber wie ein Haftelmacher auf. Zu interessant war das, was Egon zu erzählen wusste. Man musste die Ameisen als Staat mit vielen, vielen Einzeltieren sehen, dann konnte man erst richtig begreifen, dass sie in der Lage waren, die Vermehrung mancher Insekten so zu verhindern, dass diese nicht zu Schädlingen wurden. „Brave Ameisen“, sagte er daher und wollte dabei auch witzig sein.

Karl warf noch einen Blick auf eine der Arbeiterinnen, die gerade eine kleine Raupe mit ihren Oberkiefern fasste. Gerne hätte er die Larve für sich selbst beansprucht, aber er hatte gehörigen Respekt vor den Bissen der eifrigen Ameise und ließ es daher sein.

Immer wieder prüfte Egon, auf welcher Baumseite das Moos wuchs. Hernach änderte er meistens die Richtung geringfügig, dann ging es wieder langsam, fürchterlich langsam, weiter. Die Dämmerung verwischte die Umrisse des Buschwerks, es galt jetzt noch vorsichtiger zu sein als bei Tageslicht. Viele Tiere des Waldes sind ja hauptsächlich im Schutz der Dunkelheit unterwegs, solche, die jagen und solche, die gejagt werden. Immer wieder schlug Egon vor, sich in der Nacht irgendwo zu verkriechen. Karl aber kam eindeutig in der Finsternis besser zurecht. Kein Wunder, als Sonnenanbeter sind Fledermäuse ja nicht gerade bekannt. Wenn sie gewusst hätten, was ihnen bevor stand, hätten sie keinen weiteren Schritt mehr gewagt und sich schleunigst unter Wurzeln versteckt. Aber sie wussten es eben nicht.

Der Wald wurde jetzt immer häufiger von freien Flächen durchbrochen. Felsbrocken und Steine lockerten die Landschaft auf, das machte sie aber weniger übersichtlich.
Jetzt wurde es wieder etwas heller statt dunkler, weil der Vollmond die Gegend in gedämpftes, gespenstisches Licht tauchte. Auch war es gruselig still. Plötzlich durchbrach der Warnruf eines Eichelhähers die Stille. „Das ist die Feuerwehrsirene des Waldes“, meinte Egon, „da ist immer irgendwas Unangenehmes im Anzug“. Karl stellte sich dumm und fragte: „In welchem Anzug, im Hochzeitsanzug oder im Freizeitanzug?“ Das Witzeln verging ihm aber augenblicklich, weil in diesem Moment ein Steinmarder, erkenntlich an dem weißen, gegabelten Kehlfleck, auftauchte. Jetzt hieß es Ruhe und Nerven bewahren.

Der Steinmarder schien eine Gummiwirbelsäule zu haben. Männchen machen, sich strecken, Buckel machen , seine Bewegungen wechselten so schnell ab, dass man kaum mit den Augen folgen konnte.

So huschte der Marder hin und her, plötzlich schaute er genau in die Richtung der Wanderer. Ganz langsam, ohne das geringste Geräusch zu machen, schlich er auf die zwei zu. Sie zitterten wie Espenlaub, denn der Marder setzte schon zum Sprung an. An ein Entkommen war nicht zu denken. In diesem Augenblick tauchte eine Eule aus dem Nichts auf und stürzte auf den Räuber herab. Der Steinmarder konnte sich nur durch einen Sprung ins Gebüsch vor dem sicheren Tod retten. Die Krallen der Eule hätten ihm nämlich bestimmt den Garaus gemacht. In dieser Nacht, kann man annehmen, ging der Bursche sicher nicht mehr auf Jagd aus.

Egon konnte sich nicht vorstellen, warum Karl sich vor dem großen Vogel nicht fürchtete, sondern auf diesen sogar zu kroch. Da schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, das musste Franz Xaver sein, von dem er schon so viel Gutes gehört hatte. Und so war es dann auch.

Franz Xaver berichtete, dass es Mutter Fu gut ging, er würde sich gelegentlich mit ihr zu einem Plausch treffen. Darüber war Karl natürlich sehr erfreut und er wollte keine Minute länger warten, um wieder weiter zu kommen, näher heran an das Haus. Franz Xaver warnte sie noch vor dem Baummarder, der wie sein Vetter auch in dieser Nacht unterwegs war. Auch dieser Bursche würde wie Franz Xaver von oben kommen. Ja, man musste seine Augen schon überall haben. Die Eule verabschiedete sich und flog lautlos fort, wie es Eulen halt so tun.

Egon und Karl setzten sich auch wieder in Bewegung, Müdigkeit hin, Müdigkeit her. Als der Morgen dämmerte, erklang eine Vogelstimme: „Jickjickjick, jickjickjick!“ . Karl konnte nicht glauben, dass das ein Kuckuck sein sollte, wie Egon behauptete. Ein Kuckuck ruft doch „kuckuck“ und nicht „jickjick“, so glaubte er jedenfalls. Er gab sich zufrieden, als Egon erklärte, dass es sich eben um ein Kuckucksweibchen handelte. Sosehr Karl aber auch den Kopf verrenkte, er konnte nirgendwo einen Kuckuck sehen.

Das Weibchen blieb vorerst auch für Egon unsichtbar. Die Vögel sind ja als außerordentlich scheu bekannt, sie waren nur dann ganz unverfroren, wenn sie ihre Eier in fremde Nester legten. Da kannten sie keine Zurückhaltung. Auf der anderen Seite halfen sie der Natur, weil sie als einzige Vögel auch behaarte Raupen, die sonst alle verschmähten, kurz hielten. Als Karl von den Raupen hörte, meldete sich auch bei ihm wieder der Hunger. Da er nichts Fressbares fand, hängte er sich mit dem Kopf nach unten an ein Ästchen . Kaum hatte er es sich gemütlich gemacht, setzte sich über ihm ein etwa taubengroßer Vogel nieder. Karl brauchte keine Erklärungen, das musste das Kuckucksweibchen sein.

Die Gelegenheit konnte er nicht vorbei gehen lassen. Er wollte mehr über diesen Vogel wissen. Die Dame ließ sich nicht lumpen und beantwortete geduldig Karls oftmals recht einfältige Fragen.

Bald wurde es Egon langweilig. Was für Karl neu war, wusste er schon längst und er drängte zum Aufbruch. Sie waren noch nicht lange unterwegs, da lief ihnen ein auffallend gefärbter Käfer über den Weg, dann noch ein solcher und gleich darauf noch einer. „Aha, ein Begräbnis, hoffentlich keiner meiner Verwandten“, sagte Egon. Die Käfer waren Totengräber, Aaskäfer, die tote Tiere eingruben und sie als Nahrungsreserve für ihre Jungen nützten. Aus den Eiern, die die Käfer auf die Kadaver legten, schlüpften Larven, die dann so lange versorgt waren, bis sie selbst wieder zu Käfern wurden. „Als faules Aas kann man so einen Käfer nicht gerade bezeichnen“, kicherte Karl.

Als sie etwas später an einem Fuchsschädel vorbei kamen, war Karl gar nicht wohl zumute. Trotzdem wunderte er sich, dass Egon in dieser Knochenkapsel einen Fuchsschädel erkennen konnte.

 

 

Wieder folgte eine Belehrung über die verschieden Gebissarten und Kopfformen und wieder wurde Karl etwas gescheiter. Er interessierte sich auch für die beiden Mistkäfer, die gerade Rehkot vergruben, eben auch um ihre Jungen zu versorgen. Er wünschte den Larven in Gedanken guten Appetit.

 

 

 

Nach so vielen Erlebnissen verkrochen sich die beiden Tramper in einem Reisighaufen und schliefen augenblicklich ein. Wundert das jemanden?

Gestärkt durch den ausgiebigen Schlaf, setzten sie am nächsten Morgen ihre Reise wieder fort. Immer wieder gab es etwas zu beobachten und zu lernen. Das war schön und gut, nur kamen sie dabei nicht recht weiter. Auf einer saftigen Pflanze mit dicken Stängeln kroch einer dieser lieben Marienkäfer empor. Diese roten Käfer mit den sieben schwarzen Punkten untersuchten alle Pflanzen auf Blattlausbefall, weil dies Pflanzensaftsauger ihre einzige Nahrung darstellten. „Die räumen aber gewaltig auf in der Blattlauskolonie“, meinte Karl, der den Käfer interessiert beobachtete.

Egon bemerkte noch, dass diese Käferchen wirklich allerliebst wären, was die Blattläuse vermutlich heftig bestritten hätten.

Immer wieder und immer öfter verhaspelten sich die Wanderer in klebrige Spinnenfäden, die beinahe unsichtbar ihren Weg überspannten. Karl ärgerte sich über das Zeug, das so schwer aus dem Fell zu kratzen war, aber Egon begann, wie sollte es anders gewesen sein, mit Ausführungen über die Nützlichkeit dieser Achtbeiner. Karl musste auch nicht lange warten, bis er eine Spinne direkt vor Augen hatte.

Quer über den Pfad hinweg war das Radnetz einer ziemlich großen Weberin gespannt. Sie ließ sich von den zwei Beobachtern nicht stören, sondern besserte eifrig ihr Netz aus, das der Wind etwas ramponiert hatte. Karl stellte zum Erstaunen von Egon fest, dass die Spinne mehr Beine als Insekten hatte, nämlich acht statt sechs. Egon lobte ihn dafür. Interessant war auch der Kokon, der an einem Faden im Netz hing. Wie viele Eier mochten da drin sein? Vermutlich sehr, sehr viele. Dann wollte Karl noch wissen, ob die Spinne auch giftig wäre, er hatte davon schon gehört. Egon war wieder einmal um eine Antwort nicht verlegen: „Alle Spinnen, die ein Netz spinnen können, sind auch giftig. Die einen mehr, die anderen weniger. Die meisten weniger“.

Karl hätte das interessante Tier gerne noch länger beobachtet, Egon drängte aber zum Weitergehen. Er hatte Menschenstimmen gehört, das war einerseits für Karl recht beruhigend, für ihn aber eher unheimlich.

Wirklich, Stimmen wurden immer lauter. Es waren Mädchenstimmen, eindeutig, Stimmen, die ihm bekannt vorkamen. Es waren die Kinder, die ihn mit Mehlwürmern gefüttert und ihn behütet hatten, da war er sich ganz sicher. Karl schrie, was er nur schreien konnte, um Hilfe. Wer aber sollte die Fledermausstimme hören, nicht einmal Egon konnte die hohen Töne vernehmen. Traurig und niedergeschlagen musste Karl mit ansehen, wie sich die Mädchen wieder entfernten, ihre Gekicher immer leiser wurde. Seine Rettung schien so nahe – und jetzt war sie vielleicht wieder weit, weit entfernt. Ein Trost blieb. Sehr weit weg würde das Haus nicht mehr sein.

In Gedanken versunken krochen sie weiter. Einige Tannen tauchten vor ihnen auf. Karl tippte zwar auf Fichten, weil sie seiner Meinung haargenau wie diese Bäume ausschauten. Egon widersprach. „Da, schau, ein Fichtenkreuzschnabel dort oben auf dem Ast!“, rief Egon. Karl sagte nur: „Habe ich es nicht gesagt, Fichte, nicht Tanne!“. Es war aber wirklich ein Fichtenkreuzschnabel, ein Vogel mit lustig gekreuztem Schnabel zum Öffnen von Fichtenzapfen, der halt zufällig einmal auf einer Tanne Rast machte.

Vielleicht hatte der Vogel eine peinliche, ungehörige Frage bezüglich seines verbogenen Schnabels erwartet, jedenfalls flog er „gippgippgipp“ rufend davon.

Karl wagte es nicht, Egon nach den Kennzeichen einer Tanne zu fragen. Aber der Zufall half ihm aus der Patsche. „Schau, da fliegt der richtige Vogel auf den passenden Baum!“, lachte Egon. Und wirklich, eine winzige Tannenmeise setzte sich direkt neben einem Tannenzapfen nieder, es versteht sich von selbst, dass es sich auch bei dem Baum nur um eine Tanne handeln konnte.

 

 

Die Tannenmeise ließ sich nieder und stimmte augenblicklich ein Liedchen an: „Sizi, sizi, sizi“, rief sie. Karls Aufmerksamkeit galt aber dem Tannenzapfen. Jetzt wusste er, Zapfen schaut nach oben – Tanne, Zapfen hängt nach unten – Fichte, leicht zu merken. Erst jetzt wandte er sich an Egon: „Du sag einmal, warum ist der Vogel so gut aufgelegt, so fröhlich, dass er gleich ein Liedchen singt?“

Egon tat von den ewigen Erklärungen der Mund schon weh, aber er war auch stolz, wenn er Herr Lehrer spielen konnte. Die Freunde ließen sich ins Gras nieder und Egon begann: „Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass die Singvögel vor allem am frühen Morgen und dann noch einmal vor Einbruch der Dämmerung singen. Das tun sie nicht, weil sie so fröhlich sind, nein, sie wollen damit nur anderen Männchen ihrer Art anzeigen, dass dieses Revier bereits besetzt und Besuch unerwünscht ist. Das Singen hat also sehr wenig mit Fröhlichkeit, nein eher mit Drohung zu tun. Wie gesagt, das gilt nur für Vögel der eigenen Art. Der Tannenmeise ist es egal, wenn eine Hauben- oder eine Weidenmeise in der Nähe Platz nimmt. Verstehst du Karl, was ich damit sagen will? Weißt du übrigens, warum die Tiere Singvögel heißen, obwohl sie gar nicht alle singen können? Oder ist das, was die Krähen, Eichelhäher und Raben da daherkrächzen in deinen Ohren sehr melodisch? Nein, diese Vögel haben zwei Kehlköpfe, die …“. „Halt, halt, halt, wie soll ich mir das alles merken?“, bremste Karl seinen Freund ein, es schien ihm aber doch irgendwie interessant zu sein. Um Egon nicht zu verärgern, fragte er noch nach: „Du, was ist eigentlich eine Kohlmeise?“ Egon war verzweifelt, denn diese häufige Meisenart war ihnen schon so oft begegnet. Er schaute sich um: Es konnte nicht schwer sein, eine solche Meise irgendwo auf den Büschen zu entdecken. Und wirklich, ganz in der Nähe ließ sich eine nieder.

Die Meise bemerkte das Interesse der zwei Vogelbeobachter. „Gibt es was?“, fragte sie schnippisch. Karl und Egon begannen fast gleichzeitig zu sprechen: „Du kommst doch weit herum, steht hier in der Nähe nicht irgendwo ein Haus mit einem großen Garten am Waldrand?“ „Wenn ihr das Haus meint, das gleich da drunten hinter den Fichten steht, dann ist es nur mehr ein Katzensprung dort hin“, zizibähte die Meise. Karl und Egon waren wie vom Donner gerührt. Gleich dort drunten sollte das Haus stehen? War das möglich? War das Karls Haus? Wie weit war ein Katzensprung? Fragen über Fragen. Die Aufregung hätte größer nicht sein können. So schnell waren sie noch nie vorangekommen. Karl verspürte zwar noch immer heftige Schmerzen im Arm, aber er kämpfte sich tapfer vorwärts. Nach wenigen Minuten mussten sie erkennen, dass es doch noch eine schöne Weile dauern würde, bis sie das rettende Haus erreichten. Immerhin waren sie am Waldrand angelangt, an den ein steiler Abhang mit Gestein und niederem Buschwerk grenzte. Aus Erfahrung wussten sie, dass solche Gegenden mit besonderen Gefahrenquellen aufwarteten. Schlangen, Wiesel, Raubvögel und was halt sonst noch nach Mäusen Ausschau hielt, sie alle waren hier unterwegs. Da nützte es gar nichts, dass sie bereits das Dach des Hauses ausnehmen konnten.

Die Bewohner des Hauses glaubten nicht mehr daran, dass sie Karl jemals wieder zu Gesicht bekommen würden, ja sie vermuteten, dass er nicht mehr am Leben war. Vier Wochen waren vergangen, seit sie ihn in die Freiheit entlassen hatten. Fu, Karls Mutter, verschlief die Tage noch immer im Dachgebälk. Am Abend konnte man sie um die Fichte und im Garten hinter dem Haus auf der Jagd beobachten. Dieser Garten konnte eigentlich nicht als schön bezeichnet werden. Wenigsten fanden das die Nachbarn und die Besucher so. Er war so etwas wie eine kaum gepflegte Wildnis, aber er war ganz bestimmt ein Paradies für die verschiedensten Tiere. Gepflegten Rasen gab es nur wenig, dafür eine Menge an Rotbuchen, Haselnussstauden, Hainbuchen, Lärchen und Birken, dazu noch Büsche und Stauden. In dieser Umgebung ließ es sich vortrefflich für Vögel, Mäuse, Lurche und Insekten leben. In den Brutkästen an der großen Lärche zogen die Blaumeisen sogar zweimal im Jahr Junge groß.

Das Rotkehlchen verließ den Garten praktisch überhaupt nie, wozu auch? Es saß mit Vorliebe auf einem Hügelbeet, wo es nicht nur viel zu sehen sondern auch viel zu essen gab. Das Beet war auch ein Insektenparadies.

 

 

 

 

Auch die Äskulapnatter kam gerne hierher um sich in der prallen Sonne aufzuwärmen. Es hielten sich gleich mehrere dieser schönen, großen Schlangen im Garten auf.

Die Eichenblätter trugen in diesem Jahr besonders viele Galläpfel aus denen dann die Eichengallwespen schlüpfen würden, worauf schon eine ganze Reihe von Gartenbewohnern wartete.

 

 

Das Eichhörnchen, auch ein alter Gast des Gartens, hatte sein Kugelnest aber nicht auf die Eiche gebaut. Nein, der Kobel war hoch oben auf der Fichte, gut zwischen den Ästen, versteckt. Deutlich sah man aber die Fraßspuren des Nagers an den Zapfen, die unter dem Baum lagen.

 

 

Einige Pflanzen aber auch einige Tiere gehörten eigentlich nicht in diese Wildnis. Da gab es zum Beispiel den Bambus, der nicht so recht zu den Haselnüssen passte oder die Schildkröten in ihrem großen Gehege, die sich auch recht fremd ausnahmen. Früher bevölkerten auch Kaninchen einen Teil des Gartens, ihr Häuschen, eigentlich schon ein respektables Haus, stand jetzt leer in einer Ecke des Gartens.

In diesem Schuppen hatten es sich einige Zuzügler gemütlich gemacht. Da waren einmal die Rötelmäuse, die sich behaglich zwischen der Schaumstoffisolierung der Tür und den Holzbrettern eingerichtet hatten. Nur einige Mäusekügelchen auf dem Boden verrieten ihre Anwesenheit. Und weil anscheinend nicht genug Mäuse in der Hütte waren, hatten Feldmäuse ihre Gänge unter dem Boden des Holzhäuschens gegraben. Aus einem Kaninchenparadies war ein Mäuseparadies geworden.

 

 

Und natürlich stand da noch das Haus der Familie B. auf dem abschüssigen Grundstück, das Haus nach dem sich Karl so sehnte.

Fledermausexperten vom Haus der Natur, dem Naturkundemuseum der nahen Stadt, hatten sich eben dieses Haus und seine Umgebung vorgemerkt. Sie wussten, dass in den felsigen Hängen aus Kalkgestein einige Höhlen geradezu geschaffen für Fledermaus-Schlafplätze waren. Außerdem wollten sie den Giebelraum genauer untersuchen. Sie hatten ja vor Wochen Karl markiert, ja das waren diese Männer, und wollten feststellen, ob er sich noch in der Gegend aufhielt. Ein Besuch wurde der Familie B. angekündigt und nach wenigen Tagen fuhr ein Wagen mit einem Laderaum voller Ausrüstung vor.

Zuerst untersuchten die Männer einige kleinere Höhlen im Hang. In einem dieser Verstecke fanden sie eine größere Anzahl von Fledermäusen, die dort den Tag verschliefen, vor.

Ein Flatterer nachdem anderen wurde markiert. Die Tiere wurden dadurch nicht einmal richtig wach, man konnte durchaus von einem gesunden Schlaf sprechen. Wahrscheinlich glaubten sie an einen aufregenden Traum.

Dann ging es an die Untersuchung von Baumhöhlen, von denen es ja auch eine ganze Reihe in der Nähe und auch im Garten gab. Der Baumbestand im nahen Wald war schon ziemlich alt.

Aber gleich bei der ersten Höhlung mussten die Fachleute feststellen, dass hier bestimmt keine Fledermäuse wohnten. Das Eingangsloch war nämlich mehr als zur Hälfte zugemauert, richtig verklebt mit Erde und Lehm. Das konnte nur die Höhle eines Kleibers sein. Die Spechtmeise klebt den Eingang zur Höhle nämlich so zu, dass nur sie selbst bequem aus- und einschlüpfen kann. Der Kleiber beobachtete aus der Nähe, Kopf nach unten auf einem Stamm sitzend, das sonderbare Geschehen bei seiner Wohnung.

 

 

 

 

 

Gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit wurden die Männer mit ihrer Arbeit fertig, fast fertig wäre richtiger. Die Untersuchung des Giebelraumes hatten sie nämlich noch gar nicht in Angriff genommen. Zu diesem gab es keinen Zugang. So musste zu einem Trick gegriffen werden. Ein Gerät, das blitzschnell ein Netz in die Höhe schießen konnte, wurde vor dem Flugloch aufgestellt. Ein bereits gespanntes Netz hätte die Fledermaus mit ihrem Radar auch bei völliger Dunkelheit erkannt und gemieden.

So warteten die Leute mit dem Daumen auf dem Auslöser der Netzfalle. Aber nichts rührte sich. Herr B. versicherte immer wieder, dass der Raum bewohnt war. Schließlich sah er jeden Abend die Fledermaus an- und abfliegen. Er war sich sogar sicher, dass es sich um Karls Mutter handeln müsste. Dass diese Fu hieß, wusste er allerdings nicht. Warum nur?

War es möglich, dass Fu gewarnt worden war? Von Franz Xaver vielleicht, der die Umtriebe von der Fichte aus beobachtete? Wie auch immer, die Fledermaus ließ sich nicht blicken. Schon wollten die Leute ihre Geräte wieder einpacken, als sich etwas noch Dunkleres als die Umgebung es ohnehin schon war, vom Flugloch wegbewegte. Geistesgegenwärtig drückte der Mann an dem Gerät den Auslöser – und schon zappelte die Fledermaus im Netz. Jetzt ging alles ganz schnell. Vorsichtig wurde Fu aus den Maschen gelöst, mit einer Spezialzange markiert und ehe es Karls Mutter mit der Angst zu tun bekam, war sie auch schon wieder frei.

Karl allerdings wurde bei dieser Aktion nicht gefunden. Wie auch? Er kam gerade mit Egon an die Stelle, wo der Hochwald in Buschwerk überging und das Gelände besonders steil abfiel. Sie näherten sich einem Vogel, der sie unmöglich sehen konnte, weil sie von hinten angeschlichen kamen und der Vogel mit seinem, Pinzettenschnabel gerade einen Regenwurm aus der Erde zog.

 

 

Voller Übermut wollten sie das Tier erschrecken. Als sie nur mehr wenige Schritte hinter dem seltsamen Vogel waren, sagte der in aller Ruhe: „Hallo, ihr zwei, warum schleicht ihr euch an, wollt ihr mich erschrecken. Gehört sich das für eine Rötelmaus und eine kriechende Fledermaus?“ Karl und Egon waren verdutzt. Wie konnte der Vogel sie gesehen haben? Sie kamen gar nicht mehr weiter zum Grübeln, denn der Wurmjäger stellte sich auch schon vor: „ Ich bin eine Waldschnepfe und heiße Eusebia, kann nach hinten schauen, nach oben, nach unten, rundherum, bin Professorin für Wurmologie und eigentlich immer gut aufgelegt. Aber wer seid ihr? Humpelnd kriechende Fledermäuse in Begleitung sind ja eher selten, oder?“ Nachdem sich auch Karl und Egon vorgestellt und eine Kurzfassung ihrer Abenteuer abgeliefert hatten, meinte die Schnepfe: „Es sind ja nur mehr wenige Meter, hundert vielleicht, bis zum Haus, aber ich sage immer, eine höchst gefährliche Gegend, höchst gefährlich, ja, ja. Heute zum Beispiel sind die Krähen besonders lästig. Ich würde euch raten, auf die schwarzen Gesellen besonders zu achten“. Sie zog noch einen Wurm aus der Erde, schluckte und flog davon. Tatsächlich war das Gekrächze der Krähen nicht mehr zu überhören. Ganze Schwärme flogen auf einen Baum zu, in dem sich offensichtlich auch ein Nest befand.

Auch Egon wusste allerhand über diese Vögel. Sie fraßen alles, was nur irgendwie genießbar war, also auch Mäuse. Ob sie mit Fledermäusen eine Ausnahme machten? Eigentlich nicht anzunehmen. Karl dachte daran, dass diese Krächzer zu den Singvögeln gehörten und musste laut lachen: „Wenn das Singvögel sind, dann bin ich auch einer!“

Langsam, aber umso heftiger stellte sich bei Egon Hunger ein. Er hatte Glück, denn er fand einen fast ganzen Apfel, den irgendjemand verloren haben musste. So einen schönen Apfel warf man nicht einfach weg. Ein wenig war von der Frucht schon weggeknabbert. Eine Weinbergschnecke, von denen es hier eine ganze Menge gab, raspelte mit ihrer Reibeisenzunge genüsslich ein Loch in den Apfel.

Egon ließ die Schnecke in Ruhe. Er begann einfach auf der anderen Seite zu nagen. Bald war er wieder erfrischt und wieder satt. Auch Karl hatte in der Zwischenzeit einiges an Fressbarem gefunden. Es war ja nicht besonders schwierig auf diesem Platz. Schwierig war es auch nicht, den Himmel zu beobachten, weil Bäume und Büsche nur mehr vereinzelt herumstanden. So bemerkten sie einen Reiher beobachten, der in typischer Haltung vermutlich dem See zusteuerte, von dem sie gekommen waren.

Plötzlich rief Karl: „Egon schau, lauter Krähennester!“ Egon lachte laut, als er auf den Baum schaute. Es waren Misteln, die Karl mit Nestern verwechselt hatte.

 

 

 

Karl lernte, was Schmarotzer waren, dass die Mistel ein Halbschmarotzer war, der seine Wurzeln in die Äste verschiedener Bäume senkte und so weiter und so fort. Egon kamen die Mistelzweige, die da unter dem Baum lagen für eine nähere Erklärung sehr gelegen.

 

 

 

„Gut, sind halt diese Kugeln auf dem Baum keine Krähennester, aber der Vogel ist eine Krähe, das kannst du mir nicht ausreden“, sagte Karl fast beleidigt. „Auch da muss ich dich korrigieren, der Vogel ist eine Drossel und zwar eine schwarze, du wirst doch eine Amsel von einer Krähe unterscheiden können“, tadelte Egon. Er zeigte auf einen anderen Vogel, es wimmelte in der Gegend ja direkt von Vögeln, und sagte: „Das ist eine Verwandte der Amsel, nämlich eine Misteldrossel“. Karl schwirrte der Kopf.

 

Kaum hatte er sich die Merkmale der Misteldrossel eingeprägt, machte ihn Egon auf eine Grasmücke aufmerksam. „Wenigstens kein Vogel“, dachte Karl und war erstaunt, als Egon doch auf einen Vogel deutete. Es dauerte eine Weile, bis Karl über die verschiedenen Arten von Grasmücken informiert war.

 

 

Karl wollte nicht zugeben, dass er sich mit der Mücke etwas blamiert hatte und krabbelte schweigsam neben Egon einher. Der Nachmittag wurde hochsommerlich heiß. Es war still, nur das Gezirpe einer Grille war zu hören. Grillen zählen aus verständlichen Gründen nicht zum Speiseplan von Fledermäusen und so interessierten diese Insekten Karl nicht besonders. Aber er wusste, dass es eine Grille aus dem Garten seines Hauses war, die da ihr Liedchen geigte.

 

Damit er nicht nur Stimmen aus dem Garten hören konnte, sonder diesen und das Haus auch sehen wollte, hielt er Ausschau nach einem Felsen, einer Pflanze, von wo er zumindest einen Blick auf das Haus werfen konnte. Seine Sehnsucht nach den Menschen wurde so kurz vor dem Ziel immer größer.

Egon warnte davor, sich jetzt noch der Gefahr einer Klettertour auszusetzen. Karl war aber nicht mehr abzuhalten. Schon hatte er einen Baumstumpf gefunden, der leicht zu erklettern war. Egon musste auch mit, ob er wollte oder nicht.

 

Und wirklich, die Kletterei hatte sich ausgezahlt. Sie sahen das Haus, sahen den Garten und die hohe Fichte kaum dreißig Meter entfernt. Ein leises Schwirren ließ sie nach oben blicken und dann war sie auch schon da, die Krähe.

 

 

Die Krähe war da, Karl und Egon aber nicht mehr. Geistesgegenwärtig hatten sie sich einfach den Baumstumpf hinunter rollen lassen. Im Gras waren sie dann nicht mehr zu sehen. Zumindest sah sie die Krähe nicht, die verärgert abstrich. Wo aber war das Freundespaar geblieben? Welcher Trick hatte sie gerettet? Nun, Egon war blitzschnell in ein Loch geflüchtet. Ein gefährliches Unternehmen, man konnte ja nicht wissen, ob sich in dem Gang jemand aufhielt, der gerade nicht gut aufgelegt oder hungrig war.

Karl dagegen kugelte direkt unter eine Distel, die ihn zwar vor der Krähe schützte, ihm aber eine Menge tiefer Kratzer beibrachte.

 

 

 

 

Lange rührte sich nichts, dann spähte Egon vorsichtig aus seinem Versteck. Die Luft war rein. „Karl, die Rabenkrähe ist weg. Wo steckst denn du?“, rief er, weil er den Freund nirgends sehen konnte.

„Na, was jetzt, Rabe oder Krähe?“, fragte Karl etwas unwirsch zurück. Unwirsch deshalb, weil er von seinem Rücken Blut fließen spürte. „Wie ich schon sagte, Rabenkrähe, das Tier heißt so“, beharrte Egon und Karl gab sich damit zufrieden. Genau genommen, es war ihm egal, ihn störte das Blut auf seinem Rücken. Wie gefährlich diese Verletzung noch werden sollte, konnten sie natürlich noch nicht ahnen. Blut kann nämlich von vielen Beutegreifern über große Entfernungen gerochen werden, es zog sie praktisch magisch an. Bald sollten die Freunde um diese Erfahrung reicher werden.

Wegen Karls Distelerlebnis kamen so noch langsamer voran als vorher. Da begann zu allem Überfluss Egon laut daran zu zweifeln, ob die Menschen überhaupt noch Interesse an Karl zeigen und ihm helfen würden, wieder gesund zu werden. Egon dachte auch den Winter, der ja auch wieder einmal kommen würde. Während er so sinnierte, kam aber auch so etwas wie Stolz in ihm auf, Stolz über seine Leistungen als Lehrer, Pfadfinder und Tröster. Immerhin konnte Karl jetzt die meisten Vögel schon am Flugbild erkennen. Der Unterschied zwischen einer Rauchschwalbe und einem Mauersegler war seinem Schüler im Schlaf geläufig.

Einen Schwarzspecht konnte er aus einer Entfernung von fünfzig Metern erkennen und er würde diesen auch nie mehr mit einer Krähe verwechseln.

 

 

 

Allerdings, Egon konnte sich nicht vorstellen warum, hatte Karl noch immer Schwierigkeiten, eine Amsel von einer Krähe zu unterscheiden. Na, was soll’s, dachte er. Im Großen und Ganzen war er aber höchst zufrieden.

Die Nähe des Hauses verursachte den beiden Herzklopfen. Karl freute sich auf die Menschen, Egon fürchtete, einen Freund zu verlieren. So hingen sie ihren Gedanken nach, als sie gerade dabei waren, den Schutz der Brombeerhecken und Hagebuttensträucher zu verlassen. Auf diesen letzten Metern konnte ja wirklich nichts mehr passieren, so nahe an das Haus kamen die Krähen nicht mehr heran.

Sie hatten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es kam jemand heran, sehr frech sogar. Ein Wiesel hatte den eindringlichen Geruch von Blut in der Nase. Schlangengleich huschte es über Steine und Wurzeln, zwängte sich unter Ästen durch und war bald hier, bald dort.

Schon hatte es die Fledermaus gerochen und die Maus erspäht. Das Wiesel fasste zuerst den ahnungslosen Egon ins Auge, Mäuse waren ihm eben geläufiger als Fledermäuse, und setzte zum Sprung an. Das musste das Ende des kurzen Lebens der Rötelmaus sein. Das Wiesel war praktisch schon in der Luft, als ein lebender Pfeil auf das kleine Raubtier herunter schoss. Ein Schnabelhieb der Elster Roman raubte ihm die Besinnung. Karl und Egon hatten von dem ganzen Vorgang kaum etwas mitbekommen. Nur das Wiesel, das da wie leblos vor ihnen lag, zeigte ihnen die Gefahr auf, in der sie sich befunden hatten. Roman stupste die beiden vorwärts, hektisch, weil die schwarze  S c h w a n z s p i t z e  des Minimarders schon wieder zu zucken begann. Jetzt war nur mehr ein schmaler Weg zu überqueren und schon standen die drei Glücklichen vor dem Gartenhäuschen.

Roman konnte sich noch einmal nützlich machen. Karl bat ihn, so laut zu rufen und zu schreien, bis einer der Menschen nach dem Rechten schaute. Roman rief so laut „schackschackschack“ bis die zwei Mädchen tatsächlich auf das Gezeter aufmerksam wurden. Als sie sich dem Gartenhäuschen näherten, um nachzuschauen, was die Elster so erbost haben konnte, entdeckten sie Karl im Gras. „Schau, eine Fledermaus!“ rief Julia Karima zu, „das wird doch nicht etwa unser Karl sein?“ Da bemerkten sie den weißen Brustlatz und die spitzen Vampirzähnchen und brachen in unbeschreiblichen Jubel aus. Egon fürchtete die Kinder zwar nicht besonders, zog es aber trotzdem vor sich zu verstecken. Mit drei großen Sprüngen war er beim Schuppen und in einem Loch verschwunden. Karl aber wurde behutsam aufgehoben und ins Haus getragen.

Herr B. konnte es nicht fassen. Karl lebte, ein kleines, nein, ein großes Wunder. Mit einem Blick erfasste er, dass der Arm neuerlich gebrochen war oder die Knochen einfach nicht richtig zusammengewachsen waren. So konnte man nicht fliegen, das war klar. Der erste Weg führte zum Telefon, dann wurde Karl in eine Schachtel gesetzt und ab ging es in die Tierklinik. Karl hatte den Eindruck, diese Situation schon einmal erlebt zu haben. Er lag nicht falsch. Der Tierarzt machte Herrn B. aufmerksam, dass die Behandlung erhebliche Kosten verursachen würde. Herr B. war fast beleidigt über diesen leisen Zweifel des Arztes.

In einer Kurznarkose verschlief Karl die anschließende Prozedur. Gott sei Dank, denn der Knochen wurde wieder gebrochen und dann an einer Schiene fixiert. „Jetzt braucht der kleine Kerl“, der Tierarzt sagte Kerl, nicht Karl, „sehr viel Pflege, damit er vor dem Herbst noch fliegen lernt, sonst wird er den nächsten Winter nicht überstehen.

Wieder zu Hause, wurde Karl in seine Fledermauskiste gesetzt und mit Mehlwürmern gefüttert. Anderes, gesünderes Futter musste erst gesucht und gefangen werden.

Schon nach einigen Tagen war Karl wieder voll bei Kräften, allerdings konnte er noch nicht fliegen. Er verbrachte viele Stunden auf der Fensterbank in der Küche und schaute verträumt in den Garten. Ob er seinen Freund Egon jemals wieder sehen würde? Was mochte der Mäuserich machen?

Auch Frau B. wusste, dass Karl jetzt viel Nahrung brauchte, damit er wieder Kraft zum Fliegen hatte. Und nur Karl zuliebe duldete sie die Schüsselchen mit Mehlwürmern, die überall herumstanden. Damit Karl mehr Anreiz zum Flattern bekam, wurde er am Abend ins große Wohnzimmer verfrachtet. Aus der Deckenlampe wurden die Glühbirnen geschraubt. Bald begann Karl mit Flugversuchen und einige Abende später flog er schon geschickt durch, unter und über alle Hindernisse, die im Wohnzimmer im Wege standen. Es gab jetzt nur ein Problem. Karl war gewohnt, seine Nahrung vom Boden aufzunehmen. Konnte er überhaupt noch Insekten im Flug mit seiner Flughaut erwischen? Dem Vorschlag von Herrn B., im Wohnzimmer Mehlwürmer in die Höhe zu werfen, wurde von den Töchtern begeistert zugestimmt, Frau B. widersetzte sich aber energisch, ja, sie drohte gar mit Auszug aus dem Haus. Man einigte sich darauf, einige Nachtschmetterlinge im Zimmer fliegen zu lassen. Dazu musste man nur die Balkontüre einige Minuten geöffnet lassen und schon schwirrten die Motten und Schmetterlinge in den hellen Raum. Das funktionierte. Karl lernte wieder, fliegende Beute zu schnappen.

Der Tag nahte, an dem man Karl wieder in die Freiheit entlassen konnte. Diese Mal wollt man ihn aber zuerst an den Giebelraum gewöhnen. Er würde zwar seine Mutter wahrscheinlich nicht mehr erkennen, doch die Anwesenheit weiterer Fledermäuse würde ihn zum Bleiben veranlassen. So war es dann auch. Herr B. überwand seine Angst vor den Hornissen und stieg mit einer Leiter zu dem Loch in der Bretterwand empor. Vorsichtig schob er Karl hinein. Das war doch nicht möglich, Karl hängte sich tatsächlich sofort zum Tagschlaf an einen Balken. Die Familie war überglücklich.

Was aber war aus Egon geworden? Nun, nachdem er durch das Loch in die Hütte geschlüpft war, sah er sich eingesessenen Bewohnern gegenüber. Der Empfang war alles andere als freundlich. So suchte er sich in einem Winkel ein Plätzchen, wo er ungestört ein Nest errichten konnte. Bald gewöhnte man sich aneinander und die ersten freundschaftlichen Gefühle kamen auf.

Als besonders bewohnenswert hatte sich das Häuschen erwiesen, weil Herr B. es nicht verabsäumte,täglich einige Körnchen, die er vom Rennmausfutter abzweigte, auf den Hüttenboden zu streuen. Besser konnte es sich nicht leben lassen. Dann kam der Abend, an dem Egon und Karl sich wieder trafen.

Karl umschwirrte schon seit einigen Tagen immer wieder das Gartenhäuschen, er wusste ja, dass Egon darin verschwunden war. Und wirklich, Egon wurde auf ihn aufmerksam. Karl wollte sofort übersiedeln, aber Egon warnte ihn. Den Winter verschlief Karl ohnehin und bis dahin, konnten sie sich ja allabendlich treffen. Das taten sie auch. Die Wochen vergingen und der Winter stand vor der Tür.

Im nächsten Frühjahr erwachte Karl wohlbehalten, etwas mager zwar aber kerngesund. Karl und Egon, die dicken Freunde mit den haarsträubenden Abenteuern, konnten sich noch auf schöne Jahre in dieser schönen Welt freuen.

 

 

 

 

ENDE
Ingo Baumgartner, Puch, 2004

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at

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3 Kommentare

    • theo schulz on 1. März 2007 at 12:08
    • Antworten

    Man kann sicher lange suchen, bis man eine Eine Geschichte findet, die so lehrreich und spannend erzählt ist, wie diese. Man sollte versuchen, sie als Schullektüre einzuführen. Natürlich hätte man auch gern erfahren, warum das Kuckucksweibchen seine Eier in fremde Nester legt, aber das ist bei der Fülle des Stoffes ja kaum möglich.

    • Rosmaringo
    • Ingo Baumgartner on 4. März 2007 at 10:22
    • Antworten

    Danke für den Kommentar, Herr Schulz! Ja, es hätte wohl noch sehr sehr viel zu erzählen gegeben. Ich befürchte allerdings, dass ich mit „Märchen dieser Art“ nicht ganz den Geschmack unseres hoffnungsfrohen Nachwuchses treffe. Einen Versuch ist es aber wert.
    Lg Ingo Baumgartner

    • theo schulz on 5. März 2007 at 10:40
    • Antworten

    Natürlich werden „Märchen dieser Art“ niemals ein solch breites Publikun finden, wie „Harry Potter“. Aber es wäre doch schade, wenn dem vergleichswiese kleinen Kreis interessierter Jugendlicher eine mit soviel fundiertem Wissen und erzählerischem Können geschriebene Geschichte vorenhalten bliebe. Versuchen Sie es auf jeden Fall!
    lG Theo Schulz

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