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Rosmaringo

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Fledermaus Karl – Ein naturkundliches Märchen, Teil 1

Das Haus war noch nicht alt, nein, durchaus nicht. Aus unerfindlichen Gründen war aber aus zwei Brettern der Giebelverschalung ein Holzstückchen heraus gebrochen, sodass ein größeres Loch Einlass in den unverbauten Teil des Dachgebälks bot.

 

 

 

 

Dieser einladende Eingang blieb nicht lange unentdeckt. Ein Siebenschläferpärchen hatte unter diesem Obdach einen paradiesischen Unterschlupf gefunden und zog dort schon zum vierten Mal seine Jungen groß, übrigens zum Missfallen der menschlichen Haubewohner, die über die Kotkügelchen auf dem Balkon gar nicht so erbaut waren. Trotzdem war man den harmlosen Gesellen nicht wirklich böse. Weitaus bedrohlicher aber wirkten die Hornissen, die sich im Gebälk ein riesiges Kugelnest zusammengeklebt hatten. Wie gesagt, sie wirkten bedrohlich, waren aber äußerst friedfertig und stellen weder für die Menschen noch für die Schlafmausfamilie eine ernstliche Gefahr dar.

Unweit des Hauses lag ein Wäldchen mit schon ganz altem Baumbestand. Manche der Fichten oder Buchen waren schon so morsch, dass sie richtige Höhlen in ihren wuchtigen Stämmen aufwiesen. Manche dieser Aushöhlungen hatten Bunt- und Grünspechte eigenschnäbelig gezimmert. Diese Löcher boten hervorragende Verstecke für so manchen Winterschläfer. In einer dieser gemütlichen Kammern hing eine ganze Traube von Fledermäusen.

Jetzt, Anfang April, wurden die Tiere, die den ganzen Winter verträumt hatten, unruhig. Sie begannen zu zittern und zu flattern, man sah förmlich, wie sie sich aufwärmten. Fu, ein stattliches Weibchen hatte es besonders eilig, sich wieder auf Betriebstemperatur zum Fliegen aufzuheizen. Bald schon kroch sie aus dem Loch und flog in die laue Nacht, um sich nach einer Wochenstube für den Nachwuchs umzuschauen, der sich auch heuer wieder einstellen würde. Im Mondenschein umschwirrte sie Bäume und Büsche, bis sie in die Nähe des Hauses mit dem Giebelloch kam.

Vor diesem Haus stand eine alte, mächtige Fichte, deren Geäst sich schon vor langer Zeit eine Waldohreule als Schlaf- und Ruheplatz auserkoren hatte. Die Eule sah die Fledermaus aus der Dunkelheit auftauchen.

 

Fu war der Waldohreule von ihren eigenen Streifzügen gut bekannt und so rief sie ihr freundlich zu: Einen wunderschönen Abend wünsche ich, Madame Fu! Wohin des Weges? Ist es nicht noch etwas früh für die Jagd? Ich habe noch keinen einzigen Schmetterling und auch keinen Käfer in diesem Jahr gesehen. Schläft doch noch alles“. Das sollte etwas heißen, denn der scharfsichtigen Eule entging auch in der finstersten Finsternis nichts, was so durch die Abendluft schwirrte.

„Möge dein Tisch heute reich gedeckt sein!“, erwiderte Fu den Gruß und setzte fort: „Bevor ich an eine Mahlzeit denken kann, muss ich ohnehin noch etwas viel Wichtigeres erledigen. Dass ich ein Baby erwarte, siehst du mir wohl noch nicht an, oder? Das große Ereignis wird zwar erst Anfang Juli stattfinden, aber man kann sich nicht früh genug um eine Wochenstube umschauen. In wenigen Tagen wird jede Höhle, jedes Loch besetzt sein“. Da musste ihr die Eule allerdings Recht geben.

„Madame Fu“, sagte der Vogel, „ich glaube, ich kann Ihnen helfen. Aber setzen Sie sich doch auf einen Plausch zu mir!“ Diese Bitte konnte Fu nicht gut ausschlagen. Wie oft war sie von der Eule schon auf besonders heftigen und daher besonders ertragreichen Insektenflug hingewiesen worden. Also landete sie auf dem Ast und hängte sich mit dem Kopf nach unten an einen Zweig, wie es Fledermäuse halt einmal so machen. Die Waldohreule begann gleich mit einer ausführlichen Schilderung des Loches unter dem Giebel, warnte aber gleichzeitig vor den Hornissen und den Siebenschläfern, die sie als Nachtgespenster bezeichnete. Fu musste lachen. Nachtgespenster! Ja, sie kannte diese Poltergeister, aber Angst hatte sie keine vor ihnen. Bei den Hornissen musste man schon etwas auf der Hut sein. Wenn man ihrem Nest nicht allzu nahe kam, waren sie aber durchaus keine unangenehmen Nachbarn. Ja, in gewisser Weise boten sie sogar Schutz.

Nachdem die zwei Freunde der Nacht ihr Gespräch beendet hatten, machte sich Fu sofort auf den Weg zum nahen Haus, schlüpfte durch das Loch in ihre, wie sie hoffte, zukünftige Wohnung und begann, diese bis in jeden Winkel zu untersuchen.

Was sie da sah, ließ ihr Herz höher und schneller schlagen, obwohl die Herzen von Fledermäusen ganz allgemein schon ein gehöriges Tempo vorlegen.

Ein riesiger Raum tat sich auf. Weil es dunkel war, untersuchte Fu jeden Balken, jedes Brett nicht nur mit den Augen sondern auch mit den Ohren. Mit den Ohren? Ja, Fledermäuse sehen auch irgendwie mit den Ohren. So rufen sie beispielsweise einen Ast an und der Ast ruft zurück, wie ein Echo, aber unhörbar. Na, so ähnlich ist es jedenfalls. Dieses Radar funktioniert bestens, so gut, dass sogar ein fliegender Schmetterling oder ein Käfer damit aufgespürt und gefangen werden kann.

Ja, hier konnte man in Ruhe ein Baby aufziehen und gemütlich wohnen, das stellte Fu nach der Besichtigung fest. Es würde nicht zu kalt aber auch nicht zu warm werden, genau richtig eben. Sie musste sich unbedingt bei der Eule bedanken.

Nun war Fu rundum zufrieden, wäre aber nicht so unbesorgt gewesen, wenn sie den bevorstehenden Wetterwechsel geahnt hätte. Fledermäuse müssen sich nach dem langen Winterschlaf schnell mit Brennmaterial versorgen, sie müssen also fressen, denn mit den Reserven unter ihrer Haut schaut es da schlecht aus. Gibt es keine Nahrung, kann das Verhungern und Erfrieren bedeuten.

Schon nach einer Woche kehrte der Winter zurück, mit aller Macht, mit Schnee und Eis. So etwas ist im April keine Seltenheit und auch nicht besonders aufregend, für Fledermäuse aber kann so ein Wetterumsturz lebensbedrohend sein.

Fu schlief zwar nicht wieder ein, doch dämmerte sie einige Tage so dahin, bis die Temperaturen wieder kräftig anstiegen. Schon am ersten etwas wärmeren Abend flatterte sie los. Sie bemerkte dabei, dass ihre neue Wohnung äußerst günstig lag. Das Licht, das durch das breite Wohnzimmerfenster nach außen drang, lockte ganze Schwärme von Insekten an. Der Tisch war also reichlich gedeckt.

Mit Wohlgefallen betrachtete dies die Waldohreule aus dem Fichtengeäst heraus. Sie war der Fledermaus wirklich sehr freundschaftlich zugetan, die zwei Tiere hatten ja auch allerhand gemeinsam, ihre Vorliebe für die Dunkelheit zum Beispiel oder ihre Flugkünste in stockfinsterer Nacht. Ja, so etwas schweißt zusammen.

Nun soll die Eule auch einmal ordentlich vorgestellt werden. Eigentlich handelt es sich ja um einen Eulerich, eine männliche Waldohreule also, die den für seine Zunft eher ungewöhnlichen Namen Franz Xaver trug.

Franz Xaver störte Fu vorerst nicht beim Abendessen. Als er aber annahm, dass sie satt sein musste, rief er sie zu sich. Einer ausgedehnten Tratscherei sollte nichts mehr im Wege stehen. Hauptgesprächsthema war natürlich der plötzliche Wintereinbruch. Fu schilderte aber auch ausgiebig ihre neue Behausung, die sie aus verschiedensten Gründen einer natürlichen Höhle vorzog. Leider konnte Franz Xaver wegen seiner Größe den Unterschlupf nicht besichtigen. Fu war eine gute Erzählerin und so war er in der Lage, sich das Gebälk in allen Einzelheiten vorstellen.

Mit jedem Tag wurde es jetzt etwas wärmer, die Abende waren mild, allerdings waren Nachtfröste noch nicht ganz auszuschließen. Fu war schon wieder so gut genährt, dass ihr ein bisschen hungern nicht geschadet hätte.

So vergingen der Mai und auch der Juni. Man konnte nicht leugnen, dass Fu langsam ihre Form verlor, sie wurde rundlich – und das nicht nur wegen des reichlichen Futterangebotes. Die Geburt eines Fledermauserdenbürgers stand Ende Juni, Anfang Juli knapp bevor.

In den ersten Julitagen war es dann soweit. Ein winziges Etwas hatte das Licht der Welt erblickt. Mhm, das war jetzt ungeschickt ausgedrückt. Neugeborene Fledermäuse sind nämlich stockblind und völlig nackt auch noch dazu. Als wirklich schön hätte das Mäuslein jetzt wohl niemand bezeichnet. Fu musste den Winzling mit ihrer Flughaut umspannen, praktisch einwickeln, sonst wäre er auch im sommerlichen Juli erfroren.

Eines können die Zwerge aber prächtig: Sie zirpen und zwitschern wie ein Vogel um mit der Mami Kontakt aufzunehmen. Fliegt diese am Abend aus, so tut sie es nicht ohne ihr Kind. Ein Fledermausbaby klammert sich fest ans Bauchhaar der Mutter und ab geht es durch die Lüfte.

Unser Kleiner machte es genauso. Kleiner? Endlich muss es gesagt werden, es geht um einen Fledermausbuben. Unser Bub also, bekam von den Ausflügen wenig oder gar nichts mit, aber ein gewisses Gefühl fürs Fliegen wird er dabei wohl schon erworben haben. So ging das sieben Wochen lang dahin. Die nahrhafte Muttermilch ließ den Jüngling schnell heranwachsen. Bald war er vollständig behaart, konnte gut sehen und noch besser hören, nur das Zirpen und Zwitschern funktionierte nicht mehr so richtig.

Fu war in den letzten Wochen sehr nachdenklich geworden. Was war es nur, was ihr an ihrem Kind so eigenartig, ja direkt fremd vorkam? Waren es die großen Augen, die zwei Vampirzähnchen oder der helle Brustlatz? Lauter Merkmale, die so gar nicht zur Art passten. Fu war etwas ratlos.

Das alles störte den Kleinen nicht. Er lernte brav seine Lektionen: Flattern, Insekten mit der Flughaut fangen, lernte sich festzukrallen, ganz so wie die Großen.

Trotzdem, der Bub war noch nicht erwachsen, denn sonst wäre ihm nicht passiert, was ihm da an einem lauen Abend zu später Stunde widerfuhr. Offensichtlich hatte er sein Peilsystem noch nicht so richtig im Griff, jedenfalls stieß er beim Anflug an das Schlupfloch mit dem Kopf so heftig gegen ein Brett, dass er bewusstlos zu Boden, das heißt auf den Balkon herunter, fiel. Erst am Morgen erwachte er mit heftigen Schmerzen in seinem linken Unterarm, ja, ja, auch eine Fledermaus hat Arme. Die Umgebung war ihm unheimlich, es roch auch nicht sehr gut. Wir müssen dazu wissen, dass der Junge in einen Mistkübel mit allerlei Unrat gefallen war. Zum Glück, denn der harte Steinboden hätte ihm leicht zum Verhängnis werden können. Verzweifelt versuchte der Arme aus seinem Gefängnis zu entkommen, aber er kam nicht über den Rand des Kübels hinweg. Wäre auch ein Wunder gewesen mit einem gebrochenen Arm.

Frau B. wollte noch schnell den Balkon kehren, bevor sie zur Arbeit fuhr. Sie griff nach Kübel und Besen, ließ beide aber mit einem Aufschrei wieder fallen, als sie zwei gespenstische Augen aus dem Kübel leuchten sah. Was war denn das? Wie ein winziger Gollum aus dem Herrn der Ringe schaute das Tierchen neben der großen Frau aus, neben diesem Wesen, das so unangenehm und durchdringend schrie. Da musste man sich ja fürchten. Frau B. beruhigte sich erst wieder, als sie das unbekannte Krabbeltier als Fledermaus, noch dazu als Fledermauskind erkannte. Nun vor Fledermäusen fürchtete sie sich nicht. Sie glaubte auch nicht an die Märchen, dass sich die Tiere im langen Menschenhaar verfingen oder gar des Nachts ein bisschen Vampir spielten. Aber irgendwie war ihr doch nicht ganz geheuer. Diese überaus spitzen Zähnchen, besonders die zwei langen, schneeweißen Beißerchen links und rechts ließen sie doch an Draculafilme denken. Bei diesem Gedanken musste sie aber laut auflachen und sie ergriff mit spitzen Fingern das offensichtlich verletzte Tier und hob es aus dem Kübel.

Schnell war eine Schachtel gefunden, in die sie ein altes aber sauberes Geschirrtuch legte. Darauf setzte sie dann vorsichtig das Fledermäuschen. Dann musste Frau B. aus dem Haus. Sie rief zuvor noch ihren Mann, also Herrn B., an. Sie glaubte nämlich, dass sich dieser mit Fledermäusen wenigstens so einigermaßen auskennen würde. Herr B. beruhigte seine Frau und versprach, sich noch am Vormittag um das Tier zu kümmern.

Das tat er dann auch. Vorsichtig öffnete er die Schachtel. Festgekrallt in das Geschirrtuch lag da ein dunkles, zitterndes Etwas.

Der Zufall wollte es, dass die Familie nicht nur tierfreundlich war, sondern auch einige Hausgenossen betreute. Es handelte sich um Gerbile, mongolische Rennmäuse, die die Kinder oft Minikängurus nannten.

Für eine dieser Mäuse, eine säugende Mutter, wurde eine Dose Mehlwürmer bereitgehalten. Mit diesen wollte man sich auch bei der Fledermaus einschmeicheln. Würde das Tier aber überhaupt Futter annehmen? Mit einer Pinzette nahm der Mann einen Wurm auf und hielt ihn ganz nahe an das Mäulchen des verletzten Pfleglings. Zur Freude von Herrn B. kaute das Tier bereits eine Sekunde später genüsslich an dem Würmchen.

Ein deutliches Schmatzen war nicht zu überhören. Verhungern musste der Patient also vorerst nicht.

Als die zwei Mädchen Julia und Karima am Nachmittag von der Schule nach Hause kamen, fanden sie ihren Vater eifrig sägend und hämmernd vor. Verwundert fragten sie ihn nach dem Zweck der eigenartigen Kiste, die er da zusammen nagelte.

„Für die Fledermaus“, sagte er kurz angebunden. „Für was, für welche Fledermaus?“, fragten die Töchter wie aus einem Munde nach. Jetzt, da die Kiste fertig war, nahm sich der Vater Zeit, die Geschichte ausführlich zu erzählen. „Wo ist sie, wo ist sie?“, riefen die Mädchen, wobei sie natürlich die Fledermaus meinten. Sie stürmten ohne eine Antwort abzuwarten ins Wohnzimmer, denn bisher hatten noch alle Haugenossen in diesem gewohnt. Schließlich war es ja ein Wohnzimmer, oder? Ja, dort stand die Schachtel. Auf dem Geschirrtuch bewegte sich ein Häufchen Elend. „Das ist ein Vampir!“, stellt Karima sachlich fest. Julia schloss sich dieser Meinung an, obwohl beide wussten, dass Vampirfledermäuse in Argentinien oder Brasilien herumflatterten, aber sicher nicht hier. Die spitzen, übergroßen Zähnchen jedoch ließen keine andere Meinung zu.

Wie nicht anders zu erwarten, wollten die Mädchen den Kleinen sofort füttern. Aber womit? Der Vater gab zu bedenken, dass Mehlwürmer nur als Notlösung taugten, weil, wie er sagte, diese nichts anderes wären als Chitinhüllen mit nichts drin. Was sie jetzt brauchten, waren Schmetterlinge, Heuschrecken, Käfer und von all diesem Gekrabbel und Geflatter mehr als sie wahrscheinlich fangen konnten. Das gab der Vater jedenfalls zu bedenken. „Ich weiß, der Grundumsatz von Fledermäusen ist sehr hoch und entspricht dem der Spitzmäuse“, warf Karima ein und beobachtete aus den Augenwinkeln, ob sie mit dieser Feststellung Eindruck geschunden hatte.

Es war nicht zu leugnen, das stimmte voll und ganz. Während die Mädchen die angrenzende Wiese nach geeigneten Insekten absuchten, fuhr der Vater mit dem Kleinen in die nahe Tierklinik, wo sie schon angemeldet waren.

Der Tierarzt stellte, wie Herr und Frau Baumgartner bereits vermutet hatten, eine Fraktur, also einen Bruch des linken Unterarmes fest. Die Behandlung war keine große Sache. Eine dünne Schiene wurde am Arm fixiert und damit hatte es sich.

Der Tierarzt hatte nur Sorge, ob sich die Familie wirklich zur Pflege des Patienten entschließen konnte. Er machte die Leute darauf aufmerksam, dass die Betreuung zeitraubend und anstrengend und ein Erfolg keinesfalls gesichert sein würde. Die hatten sich aber schon längst entschlossen, den Kleinen wieder aufzupäppeln.

Zu Hause wurde das Tierchen wieder in seine Schachtel gesetzt. Karima fragte, warum man die Fledermaus nicht zu den Gerbilen in den geräumigen Käfig ließe, der sogar mit Ästen ausgestattet war. „Maus ist Maus!“; sagte sie, meinte es aber nicht ganz ernst. So blieb der Knirps vorerst in seiner Schachtel sitzen, über die man zur Vorsicht ein Drahtgitter legte. Das vom Vater gezimmerte Kistchen war erst für später gedacht.

„Jetzt brauchen wir einen Namen für den Flatterich“, bestimmten die Kinder und wetteiferten mit Vorschlägen, die aber wechselseitig verworfen wurden. Viele genannte Namen wie Vampi, Fledi, Zahndi, Mausi, Flatti, Eminem, Fifty Cent und so weiter, führten zu einem heftigen Streit zwischen den Schwestern, der sehr lautstark ausgetragen wurde. „Beruhigt euch endlich“, schimpfte die Mutter, „das Tier heißt Karl, aus, fertig!“ Herr B. schaute wahrscheinlich nicht weniger verdutzt als seine Töchter drein. Karl? Karl für eine Fledermaus? Nun, warum eigentlich nicht? Somit war Karl getauft.

Tage vergingen, Wochen zogen ins Land. Karl wurde größer und größer und wurde schließlich zur erwachsenen Fledermaus. Der Bruch schien verheilt zu sein und so rückte der Tag der Entlassung in die Freiheit immer näher. Die Kinder konnten sich nur schwer mit diesem Gedanken abfinden. Sie waren in diesen Wochen zu ausgesprochenen Fledermausexperten geworden und natürlich hatten sie Karl fest ins Herz geschlossen. Eines blieb ihnen aber ein Rätsel. Welcher Art mochte Karl angehören, er passte zu keiner bekannten Gattung, kein Lehrbuch, das nur einen einigermaßen ähnlichen Kerl abgebildet hatte. Ja, was konnte er denn sein? Eine Mopsfledermaus, ein Abendsegler, eine Hufeisennase oder gar eine Wasserfledermaus? Mit seinem weißen Kehlfleck und seinen Vampirzähnen passte er einfach in keine Kategorie. Na ja, war ja nicht schlimm, war er halt einfach Karl. Und von diesem Karl sollten sie jetzt Abschied nehmen? Konnte er sich in der Natur überhaupt noch durchsetzen nach so langer Zeit in menschlicher Obhut.

Immerhin hatte das Tierchen etwas gelernt, was Artgenossen nicht so ohne weiteres können. Er war in der Lage, Insekten vom Boden aufzunehmen. Ein Kunststück für eine Fledermaus.

An einem Sonntag, es war noch lange vor Einsetzen der Dunkelheit, versammelte sich die Familie in gedrückter Stimmung auf dem Balkon. Alle hofften, Karl würde sich an die Wohnstatt seiner Mutter erinnern und in dieses Nest zurückkehren. Wegen der Hornissen und der Unzugänglichkeit traute sich aber niemand auch nur in die Nähe des Loches. Um den Abschied kurz zu machen, setzte Herr B. Karl auf seine Hand und hielt sie hoch in die Luft.

Vorsichtig tastete Karl sich bis zu den Fingerspitzen vor. Plötzlich wurden seine Ohren unruhig, dann ließ er sich ganz unvermittelt von der Hand fallen und erhob sich im Spiralflug in die Lüfte. Fünf Sekunden später war er nicht mehr zu sehen. Er war über das Hausdach hinweg geflogen, einfach so.

Der Schmerz, der sich beim Abschied von einer Fledermaus einstellt, hält sich bei den meisten Menschen in engen Grenzen. Nicht so bei der Familie B. Sie trauerte wirklich um ihren Pflegling, vor allem, weil allen das weitere Schicksal Karls mehr als ungewiss vorkam. Nicht ganz zu Unrecht, wie sich bald einmal herausstellen sollte. Ein Trost blieb den Pflegeeltern allerdings. Sollte Karl noch einmal in ihre Nähe kommen, würden sie ihn erkennen. Ein Fachmann hatte ihn vor der Freilassung noch mit einer auffallenden Markierung versehen und außerdem waren da noch der Kehlfleck und die typischen Zähnchen.

Karl steuerte gleich nach seinem Abflug auf den nahen Wald zu. Das Fliegen bei Tageslicht war ihm unangenehm. Ungeübt wie er war, ermüdete er sehr rasch. Er steuerte daher einen Baumstamm an und ließ sich darauf nieder. Wenigstens war es hier im dichten Blattgewirr nicht allzu hell.

Nachdem er wieder Kräfte gesammelt hatte, schaute er sich nach Fressbarem um. Fledermäuse brauchen eine Unmenge an Nahrung, überhaupt wenn sie in Bewegung sind, also fliegen. Zum Glück hatte Karl gelernt, wie man Kerbtiere vom Boden aufnimmt. Ohne diese Kunst wäre er vermutlich schon in den ersten Tagen verhungert. So aber kamen ihm einige Falter, zwei unbehaarte Raupen und eine Menge großer Waldameisen sehr gelegen. Nun konnte es aber auch nicht schaden, sich nach einem Unterschlupf umzusehen, von dem aus er dann später zu Erkundungsflügen starten konnte.

Er kletterte langsam den Stamm hinauf. Seine Daumenkrallen fanden festen Halt in der rissigen Rinde. Da fiel plötzlich ein Schatten auf den Kletterer, der ihn zutiefst erschreckte.

Die vermeintliche Gefahr ging von einem Rehbock aus, einem prächtigen Sechserbock, 1 A, wie ihn ein Jäger genannt hätte. Er streckte seinen Träger, also den Hals, um seinen Windfang – komisch, das ist die Nase – möglichst nahe an Karl heran zu bringen. Fürchten musste sich der Rehbock nicht vor dem dunklen Etwas, und auch Karl merkte, dass es nichts zum Fürchten gab.

„Du hast schöne Augen“, rief Karl hinunter, um mit dem Bock ins Gespräch zu kommen. „Du meinst wohl schöne Lichter?“, besserte ihn der Angesprochene aus und wackelte dabei mit seinen Lauschern, die Karl bestimmt Ohren genannt hätte. Der Bock machte Karl dann noch auf den Eingang zu einer Baumhöhle aufmerksam und entfernte sich dann ebenso lautlos, wie er gekommen war.

Karl staunte nicht schlecht, als er plötzlich laute Piepstöne hörte, nachdem er durch das Loch geschlüpft war. Wo war er da hingeraten? Nun, es sei gleich verraten. Karl befand sich in einer Spechthöhle und die piepsenden Nestlinge verwechselten ihn wohl mit ihrer Mutter, denn sie rissen in Erwartung eines fetten Würmchens oder einer Larve ihre Schnäbel weit auf. Da konnte Karl allerdings nicht helfen. Im Gegenteil, ihm stand der Sinn ebenfalls nach einer zünftigen Mahlzeit. Vorerst hängte er sich aber zu einem Nickerchen an die Höhlendecke.

Lange sollte seine Ruhe nicht dauern. Die Spechtmutter rückte mit Nachschub heran und entdeckte dabei den ungebetenen Eindringling. Ein sanfter Hieb, ein kräftiger hätte ihn wohl getötet, ein ganz sanfter Hieb also war für Karl Aufforderung genug, die Höhle in Windeseile zu verlassen.

Gerade als er seinen linken Arm aus dem Eingang streckte, passierte etwas, was seinen ganzen weiteren Lebensweg bestimmen sollte, man könnte sagen ein Schicksalsschlag. Die Frau Specht wollte ihrem Unmut noch einmal Ausdruck verleihen und zielte mit ihrem Meißelschnabel genau auf jene Stelle, die erst kürzlich einmal zusammengeheilt war. Der Arm begann höllisch zu schmerzen, daher war an ein Fliegen momentan nicht zu denken. Zu den Schmerzen meldete sich auch noch der Hunger und so kletterte Karl unbeholfen den Stamm hinunter. Er hatte Glück. Der Tisch war auf der Wiese reichlich gedeckt.

Nachdem er sich das Bäuchlein voll geschlagen hatte, entschloss er sich, der Fährte des Rehbocks zu folgen. Deutlich waren die Trittsiegel im weichen Boden zu erkennen.

Humpelnd ging er im Zickzackkurs den Tritten nach. Von diesem Rehbock erhoffte er sich Hilfe, zu allen anderen Waldbewohnern hatte er nicht das geringste Vertrauen. Kein Wunder, er kannte auch niemanden. Die Erinnerung an den Specht machte ihn ohnehin misstrauisch.

Immer mehr schmerzte der verletzte Knochen. Karl kam nur langsam vorwärts. Immer länger wurden die Ruhepausen, die er einlegen musste, ob er wollte oder nicht. Dazu kam, dass die Dämmerung hereinbrach. Für eine Fledermaus an und für sich ein Grund zur Freude, nicht so für Karl. Was wusste er schon, wer ihm da am Erdboden begegnen mochte. Er hatte nicht die geringste Ahnung, vor welchen Wesen man sich fürchten musste und vor welchen eben nicht.

Ein Rascheln riss ihn aus seinen Gedanken. Das Laub vor ihm bewegte sich und ein Köpfchen schob sich zögernd unter einem Blatt hervor. Karl war ebenso erstaunt wie die Rötelmaus, die ihn mit Verwunderung betrachtete.

Er wünschte der Maus, höflich wie er war, einen guten Abend. Die Maus grüßte ebenfalls und schloss gleich eine Frage an: „Wer bist denn du? Karl stellte sich vor und löste damit ein albernes Gelächter aus: „Du willst auch eine Maus sein, das kannst du deiner Großmutter erzählen, aber mich brauchst du nicht anzuschwindeln. Eine Maus bin ich, ja, du aber bist wohl eher ein Vogel, und zwar ein ziemlich komischer. Allerdings … “. Karl erklärte, dass man die Betonung unbedingt auf „Fleder“ legen musste, sonst würde tatsächlich ein vollkommen falscher Eindruck entstehen.

Dann erzählte er der Roten seine ganze traurige Geschichte. Die Maus war sehr beeindruckt und beschloss, Karl, wo und wie immer es möglich war, zu helfen. Sie zählte erst einmal eine ganze Reihe von Waldbewohnern auf, vor denen Karl sich zu hüten hätte. Die meisten davon waren der Fledermaus aber vollkommen unbekannt, Wer war der Marder, wie schaute der Fuchs aus, wo mochte er einen Dachs treffen? Karl konnte nicht glauben, dass er sich vor so vielen Tieren in Acht nehmen musste. Er hatte ja keinem von ihnen etwas getan. Warum wollten manche ihn sogar auffressen? Das verstand er nicht. Die Rötelmaus half ihm auf die Sprünge. „Was machst denn du mit den Insekten? Bist du ihnen böse? Nein, aber du frisst sie doch. Verstehst du mich jetzt? Ja, und der Fuchs denkt und handelt genauso wie du. Er hasst dich nicht, aber er frisst dich, wenn er dich auf dem Boden herunten erwischt“. Für eine Maus war das eine ziemlich lange Rede. Karl aber nahm sich vor, sehr, sehr vorsichtig zu sein.

Während die zwei noch immer ins Gespräch vertieft waren, war es stockdunkel geworden. Karls Begleiter war erstaunt, dass Karl jetzt irgendwie erleichtert wirkte. Wie sollte ein Nager auch verstehen, dass eine Fledermaus sich im Dunkeln eher zurechtfand als im hellen Sonnenschein.

Die Maus sah zwar viele aus der Dunkelheit leuchtende Augen, Karl konnte aber auch die dazu gehörenden Gestalten erkennen. Angst hatten beide nicht und so setzten sie gemütlich plaudernd ihren Weg fort. Dabei wurde Karl klar, wie wenig er eigentlich vom Wald, von der Welt, vom Leben wusste. Auf Fragen wie „Bist du eigentlich nachtaktiv?“ oder „Hast du Angst vor den Menschen?“ konnte er keine Antwort geben. Er wollte aber gescheiter werden und fragte seinerseits. So wusste er bald, dass er selbst ein nachtaktives Tier war und die Wesen, die ihn gepflegt hatten, Menschen waren.

Am meisten fürchtete sich die Rötelmaus vor den Eulen, ganz besonders, ist es nicht direkt komisch, vor der Waldohreule. Da denkt man doch gleich an den freundlichen Franz Xaver. Der war zu fürchten? Sie beschrieb den Vogel mit den Federohren so genau, dass Karl ganz deutlich Franz Xaver, den Freund seiner Mutter, vor Augen hatte. „Franz Xaver ist doch nicht zu fürchten!“ beruhigte er die Maus, Die aber sagte nur “Franz Xaver vielleicht nicht, andere Waldohreulen aber sehr wohl!“

Sie hatte kaum ausgesprochen, als Karl ihr eine Warnung zurief, die ihr das Leben retten sollte. Eulen fliegen lautlos, sie tauchen auf, schlagen zu und schon gibt es eine Maus weniger auf dieser Welt. Karl konnte die Eule eigentlich auch nicht mit seinen Augen sehen, aber er „sah“ sie mit seinen Ohren. Die Rötelmaus fand im letzten Augenblick noch Schutz unter einer Wurzel und Karl wurde von dem Vogel nicht einmal beachtet.

Vorsichtshalber blieben sie erst einmal in ihrem Versteck. Aber selbst hier konnte Karl noch allerhand lernen. Ein deutliches Schnüffeln, Schnauben und Grunzen ließ die Maus erstarren. Sie flüsterte Karl zu, sich ja nicht zu bewegen und einfach unter den Blättern verborgen zu bleiben.

Da kam er auch schon heran, zwar auf leisen Sohlen, aber sonst unüberhörbar. Wer? Na, der Igel, der im Falllaub nach Würmern und Schnecken suchte. Igeln wäre aber auch eine Maus ein höchst willkommener Leckerbissen, selbst Kreuzottern finden sich auf seiner Speisekarte. Er fraß unglaublich viel, musste doch auch er, wie es bei den Fledermäusen der Fall ist, für den Winterschlaf genügend Fettreserven sammeln. Karl verstand nun die Ängstlichkeit der Rötelmaus. Die hatte übrigens unwahrscheinliches Glück. Der Igel mit seiner überaus feinen Nase hätte sie ohne Schwierigkeiten aufgespürt, wäre er nicht durch die vielen Zecken abgelenkt worden, die sich in seinem Stachelkleid wieder einmal unangenehm bemerkbar gemacht hatten.

Zecken und Flöhe können einem Igel arg zusetzen, verständlich, er kann sich ja nicht kratzen. So gut seine Stacheln gegen große Plagegeister schützen, so nutzlos, ja hinderlich sind sie gegen kleine. Der Rötelmaus konnte es in diesem Fall nur recht sein.

Wieder hatte Karl etwas gelernt. Die Maus wurde ihm immer sympathischer. So fragte er sie endlich: „Sag einmal, wie heißt du denn eigentlich? „Ich weiß das selbst nicht so genau, die Menschen nennen mich Rötelmaus“, antwortete das Mäuschen verlegen. „Hast du etwas dagegen, wenn ich dich Egon nenne?“, schlug Karl vor, der mit „Rötelmaus“ wirklich nichts anzufangen wusste. Egon war ab jetzt eben Egon.

Es dauerte nicht lange, da raschelte es wieder unter dem Laub. Genau genommen raschelte da immer irgendetwas. Dieses Mal war aber kein Schnauben wie beim Igel zu vernehmen, sondern eher so ein leises Trippeln. Gespannt lauschten die zwei Freunde. Unter dem Blatt kam eine winzige, sehr spitze Schnauze zum Vorschein, eine Rüsselnase, die zitternd die Umgebung prüfte. Karl war erleichtert, als er in dem Tierchen eine Maus erkannte.

Egon korrigierte ihn sofort. „Das ist ebenso wenig eine Maus wie du eine bist. Das ist eine Spitzmaus, eine Base von Igel und Maulwurf. Ihre Zähnchen schauen aus wie deine, na gut, nicht ganz so vampirmäßig, aber doch ähnlich“. Karl wusste nicht, was Egon gegen seine Zähne einzuwenden hatte.

Inzwischen regte sich bei Karl wieder der Hunger, was Egon doch etwas eigenartig fand. Jedenfalls machten sie sich wieder auf den Weg. Auf dem weichen, bemoosten Waldboden kamen sie trotz Karls Behinderung ganz gut voran. Schwieriger war es dort, wo genügend Sonnenlicht einfallen konnte und Gräser und Kräuter üppig wucherten. Egon war sehr geduldig, der Anblick einer auf dem Erdboden kriechenden, eigentlich einer sich dahinschleppenden Fledermaus war nicht nur ein trauriger sondern auch ein beklemmender Anblick. „Weißt du was, du solltest schleunigst wieder flattern lernen“, sagte Egon unvermittelt. „Wie denn, bei diesen Schmerzen?“, antwortete Karl verzagt. Egon riet ihm dennoch zu einem Versuch. Da Fledermäuse schlecht vom Boden wegfliegen können, krochen sie auf einen Baum zu. Karl zog sich dann noch einen Meter den Stamm hoch. Jetzt ließ er sich rücklings fallen, flatterte so gut es ging mit der gesunden und der verletzten Schwinge – und wirklich, er gewann etwas an Höhe, fiel aber dann wegen der Schmerzen wie ein Stein zu Boden und landete auf dem Rücken, Gott sei Dank auf dem kuschelweichen Waldboden.

Egon lachte verstohlen, als er Karl da so auf dem Rücken liegend im Gras zappeln sah. Es schaute auch wirklich zu komisch aus. „Nur nicht aufgeben, jeden Tag üben“!, wollte Egon trösten, aber Karl fand die Sache überhaupt nicht lustig. So sagte er nur kurz angebunden: „Sehr, sehr witzig, Egon“.

Nachdem sich der Bruchpilot wieder aufgerappelt hatte, setzten sie ihre Wanderung fort, eher langsamer als vorher schien es Egon. Langsam brach auch die Morgendämmerung an. Karl liebte, wie wir wissen, die Nacht, aber er glaubte trotzdem, dass sie bei Tageslicht weniger bedroht wären. Egon konnte ihm da gar nicht zustimmen. „Da sieht man wieder einmal, wie unerfahren du bist“, meinte er. „Bei Tag gibt es nicht weniger Gefahren für uns, nur eben andere“. Dann zählte der Begleitschutz eine ganze Reihe von Tieren auf, die ihnen gefährlich werden konnten. Das beruhigte Karl aber ganz und gar nicht. So viele Tiere, die Mäuse und vielleicht auch Fledermäuse zum Fressen gern hatten? Da blieb ja keine Sekunde Zeit, sich einmal nicht zu fürchten oder sich zu entspannen. Egon konnte die Aufregung Karls nur stoppen, indem er sagte: „Na, so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Erstens müssen wir gefunden werden und das ist, wenn wir höllisch aufpassen auch wieder nicht so leicht“. Während sie so dahinredeten, war die Sonne aufgegangen. Es schien ein prächtiger, warmer Tag zu werden.

Als sie sich gerade einer Lichtung näherten, machte Egon Karl auf eine Eule aufmerksam, die sich wohl gerade zur Ruhe begeben wollte. Tagesanbruch ist Schlafenszeit für diese Nachtvögel. Karl wusste das zwar, begann aber trotzdem zu zittern. Aber Egon erinnerte ihn: „Eule bei Nacht, Gefahr für Mäuse, Eulen bei Tag, Witzfiguren!“ Egon musste über seinen Scherz lachen, Karl auch.

Die Lichtung hatten sie erreicht, da flüsterte Egon: „Deckung angebracht, Gefahr aber klein!“ Karl verstand nicht. Weit und breit war nichts zu sehen. Da deutete Egon nach oben. Karl konnte die Umrisse zweier Vögel erkennen, die hoch oben eine Art Kampf untereinander austrugen.

 

 

 

 

 

„Eigenartig, die kommen sich sonst nie in die Quere“, murmelte Egon vor sich hin. „Wer kommt sich nie in die Quere?“ fragte Karl verständnislos nach. „Na der Habicht und der Bussard, die dort oben ihre Flugkünste zeigen. Der Habicht ist der mit dem l a n g e n   S c h w a n z, der Bussard der mit dem kurzen, runden“, erklärte Egon voller Stolz über sein Wissen. „Stoß“, sagte Karl verbessernd, „Stoß heißt das, nicht   S c h w a n z !“ Jetzt war es Egon, der verdutzt dreinschaute. „Ist es nicht ungemein beruhigend, dass die Vögel so weit weg sind?“, fragte Karl, nachdem sich Egon von seinem Staunen wieder erholt hatte. „Beruhigend ist da gar nichts“, meinte er und holte zu einer eingehenden Belehrung über das Sehvermögen der Falkenvögel aus.

Er schilderte, dass diese Vögel eine Maus aus höchsten Höhen erkennen und ganz genau ins Auge fassen konnten. Karl nahm sich vor, von Zeit zu Zeit auch nach oben zu schauen. So ein Bussard konnte ihn nur allzu leicht mit einer echten Maus verwechseln, und dann gute Nacht. Aber hieß der Vogel nicht Mäusebussard? Keine Rede von Fledermausbussard! Jeder der Freunde hing dann so seinen eigenen Gedanken nach.

Karl starrte plötzlich auf einen Laubhaufen, in dem sich etwas bewegte. Langsam teilten sich die Blätter und ein längliches schwarzes Tier mit leuchtend gelben Flecken schob sich auf kurzen Beinchen aus dem Haufen.

„Keine Angst!“, flüsterte Egon. „Der Bursche ist harmlos, außer du gibst ihm einen Kuss. Seine Haut ist etwas ätzend, aber sonst ist er ein lieber Kerl. Na gut, ein bisschen mürrisch ist er schon“, erklärte er weiter. Der Feuersalamander beachtete die zwei Wanderer gar nicht, begann aber trotzdem zu schimpfen wie ein Rohrspatz: „Ein Sauwetter heute, schon wieder Sonne. Sonne, Sonne, Sonne, da muss man ja trübsinnig werden. Bleibt mir nichts übrig, als mich wieder zu verkriechen bis wieder einmal Schönregenwetter anbricht“. So zeterte der Salamander noch lange dahin. Dann erst wandte er sich der Maus und der Fledermaus zu. „Stellt euch vor, heute wollte mich gar eine Ringelnatter zum Frühstück verspeisen!“, richtete er ungefragt und ohne Gruß das Wort an Karl und Egon. „Na, der habe ich es aber gezeigt! Kaum hatte sie mich geschnappt, spuckte sie mich auch schon wieder aus. Ja weiß denn diese Schlange nicht, dass ich höllisch brenne, besonders im Mund und in den Augen? Nun, diese Erfahrung hat sie jetzt gemacht und ich bin mir sicher, nie in ihrem Leben wird sie wieder nach einem Feuersalamander schnappen, zumindest nicht nach mir“. Der Salamander hatte sich bei seiner Rede ordentlich aufgeregt und winzige Gifttröpfchen glänzten auf seiner nackten Haut. Langsam kam der Lurch wieder zur Ruhe und sie konnten noch über dieses und jenes plaudern, bevor sie sich höflichst verabschiedeten.

„Sag einmal, hier raschelt es doch überall“, sagte Karl, der schon wieder die Ohren spitzte, weil in der Nähe ein Trippeln und Trappeln kleiner Füße zu vernehmen war. „Oh, eine Maus!“, rief er aus, als er ein kleines kugelbäuchiges Ding unter den Büschen dahinhuschen sah. „Von wegen Maus“, lachte Egon, „schau genau!

Tatsächlich, was sich jetzt ganz in Karls Nähe setzte, war kein Nagetier, es war ein winziger und auch witziger Vogel, eine nervöser Kerl, der ununterbrochen zuckte und wippte und zappelte. Man konnte das Federknäuel kaum in Ruhe betrachten. Der Zaunkönig aber war über die kleine Ruhepause erfreut, die er auf seiner Buscherkundung einlegen konnte. Karl wollte gar nicht glauben, dass es ich da um einen ausgewachsenen Vogel handelte. Alle Geflügelten, die er kannte, waren weitaus größer. Egon schmunzelte, wie eine Rötelmaus nur schmunzeln kann. „Da kannst du gleich noch etwas lernen“, sagte er und zeigte mit der Schnauzenspitze auf einen anderen Vogel, der im Geäst einer Tanne leise vor sich hin piepste: „Sisisisisisisia“.

Wieder war es ein Winzling, dieses Mal ein Goldhähnchen, und weil Egon auf Exaktheit bedacht war, wusste Karl bald, dass es ein Sommergoldhähnchen war. Karl war sich jetzt auch sicher, dass es Wintergoldhähnchen geben musste. Egon erklärte ihm, dass er damit vollkommen Recht habe. „Nun werde ich wohl alle Vögel kennen?“, fragte Karl und Egon musste sich darüber sehr, sehr wundern.

Sie hatten beinahe den Waldrand erreicht, die hohen Bäume wurden seltener und der Weg führte durch Gebüsch und Gestrüpp. „Aufgepasst!“, rief Egon und deutete auf eine Spur, die sich im weichen Boden abzeichnete.

„Muss eine große Maus gewesen sein“, stellte Karl fest, doch war ihm eigentlich gar nicht zum Scherzen zumute, drum fügte er gleich an: „Muss ja wirklich ein größeres Tier gewesen sein, zumindest eines mit recht großen Füßen“. „Groß und gefährlich, wenigstens für mich. Bei dir weiß ich das nicht so genau. Vielleicht fressen Füchse aber auch Fledermäuse“, flüsterte Egon und ihm war seine Angst anzumerken. Es war also ein Fuchs, der da seine Spur, seine Fährte hinterlassen hatte. Egon fürchtete sich nicht zu Unrecht. Viele glauben, Reineke würde sich nur von Gänsen und Hühnern ernähren, die er nächtens aus den Ställen holt. Aber seine Hauptnahrung sind nun einmal Mäuse, viele Mäuse, die er geschickt zu fangen versteht. Das wusste auch Egon.

Sie näherten sich einem Haufen aus Felsbrocken und Erde. Aus einem Loch, das offensichtlich der Eingang zu einer Höhle war, schaute ein Kopf und in diesem saßen zwei schräg gestellte Augen, die gar nicht freundlich die Umgebung musterten. Langsam kam der Fuchs aus dem Bau. „Jetzt ja nicht bewegen, sonst hast du keinen Weggefährten mehr!“ wisperte Egon Karl zu. Der Fuchs, eine Fähe, die gerade Welpen aufzog, nahm aber überhaupt keine Notiz von ihnen und streunte den Waldrand entlang ihres Weges.

„Weißt du schon Egon, was du mir da alles zumutest, geht ja auf keine Kuhhaut. Diese Aufregung, diese Gefahren!“, klagte Karl. Der Angesprochene aber sagte: „Ja, das Leben ist gefährlich aber schön, sehr schön sogar. Übrigens, wo hast du den Spruch mit der Kuhhaut her?“ Karl dachte nach und wunderte sich dann selbst über diesen Ausdruck. Nun gut, war ja nicht so wichtig. Er war ja so froh, einen Freund gefunden zu haben, der nichts unversucht ließ, um seinen Schützling anzuspornen, aufzuheitern und zu trösten.

Bald hatten sie freie Sicht, da sie nun auch die Gegend mit dem Buschwerk hinter sich gebracht hatten. Vor ihnen, in einer Senke, lag ein großer Teich, der ihnen entgegenspiegelte. Im sandigen und schlammigen Uferbereich zeichneten sich Unmengen von Spuren ab. Es verstand sich von selbst, dass Egon wieder den Lehrer spielten musste und Karl von einer Spur zur anderen führte.

„Aha, eine Stockente und ein Blässhuhn, einträchtig nebeneinander auf dem Weg zum Wasser“, sagte Emil mit Kennermiene. Karl war etwas misstrauisch, eine Entenspur zu erkennen, das schien ihm möglich, aber die Fußabdrücke eines Blässhuhns? In diesem Augenblick schwammen zwei Wasservögel an ihnen vorbei, eine Stockente und ein Blässhuhn. „Na so etwas“, staunte Karl.

 

Nach einer Weile wandte sich Egon an seinen Gefährten: „Sag einmal Karl, wir laufen jetzt seit Tagen im Wald und auf der Wiese umher und eigentlich weiß ich gar nicht, wohin du willst?“ Karl wurde plötzlich sehr nachdenklich, kroch dann vorsichtig ins Schilfdickicht, nur so weit, dass er nicht nass wurde aber auch nicht leicht entdeckt werden konnte und deutete Egon, ihm nachzukommen. Egon, ohne den er nicht mehr leben würde, hatte ein Recht, seine Pläne genau zu kennen. Also begann er sein Vorhaben zu erklären: „Ich habe dir ja schon von den Zweibeinern erzählt, die du Menschen nennst. Zu diesen und zu ihrer Höhle möchte ich wieder zurück“. Mit Höhle meinte er den Giebelraum, den sich aber wieder Egon nicht genau vorstellen konnte. Dann setzte er fort: „Dort bin ich geboren, dort lebt meine Mutter, ich kenne die Umgebung schon genau und es gibt Nahrung in Hülle und Fülle. Wenn mich die Menschen finden, werden sie mich sicher wieder gesund pflegen, ja, das werden sie“.

Egon hatte so etwas in der Art schon vermutet und meinte grinsend: „Vielleicht kannst du dir merken, dass man die Höhle der Menschen Haus nennt“. Er wusste nun eines ganz genau, Karl musste wieder fliegen lernen, sonst war der Traum von einer Rückkehr ausgeträumt. Aus, Fledermaus, sozusagen.

Nachdem sich die Bodenkriechfledermaus ein wenig mit der Tierwelt der Teiche und Seen vertraut gemacht hatte (so glaubte wenigstens Karl, weil er vier oder fünf Wasservögel benennen konnte), wollte er wieder einen Flugversuch starten. Er kletterte auf einen kräftigen Schilfstängel, ließ sich in bewährter Art nach hinten fallen – und flatterte auf und davon. Es ging, er konnte fliegen. In engen Kreisen schwirrte er über Egon hinweg, der sich aufrichtig freute. Schon wurde Karl etwas übermütig, schraubte sich in Spiralen empor und schaute auf die Wasserfläche unter sich. Da, plötzlich wieder dieser stechende Schmerz im Arm! Er musste trachten, schnell unter sich wieder Land zu haben. Karl traute seinen eigenen Schwimmkünsten nicht ganz. Aber es war schon zu spät. Ermattet trudelte er nach unten und landete, Glück muss die Fledermaus haben, im Schwimmnest eines Haubentauchers.

Egon schrie ihm aus Leibeskräften vom Ufer aus zu: „Bleib ruhig, rühr dich nicht. Mir wird schon etwas einfallen!“ Wenn eine Maus aus Leibeskräften schrie, war das immer noch nicht sehr laut, wie man sich vorstellen kann und so hoffte Egon, dass er gehört wurde. Er hatte nämlich etwas höchst Verdächtiges entdeckt.

 

 

Gut getarnt, durch dunkle Steifen auf den hellen Schuppen beinahe unsichtbar, hatte sich ein Hecht an das Nest herangepirscht, um das Etwas, das da vom Himmel gefallen war, zu begutachten. Hungrig war er immer, der große Räuber und so war ihm auch Beute aus der Luft höchst willkommen. Karl konnte vom Nest aus nur Schilf und flimmernde Streifen erkennen. Woher sollte da Gefahr drohen? Da schoss auch schon ein weit geöffnetes Maul mit drohend spitzen Zähnen auf ihn zu.

Vor Schreck kippte Karl in das Nest zurück. Zu seinem Glück. Was er da gesehen hatte, ließ ihn erschaudern. Zähne in den Kiefern, Zähne auf der Zunge, Zähne am Gaumen, Zähne überall. Das war doch nicht möglich. Doch, bei einem Hecht ist das die natürlichste Sache der Welt.

Nach dem Angriff zog sich der Hecht sofort wieder ins Röhricht zurück. Egon aber hüpfte am Ufer hin und her, denn er traute sich wegen des Hechtes nicht ins Wasser. Sonst schauen Mäuse, die ins Wasser fallen zwar aus wie die sprichwörtlich „getauften Mäuse“, aber sie sind, Respekt, Respekt, sehr gute Schwimmer. Egon wusste, noch war Karl nicht gerettet.

Eine neue, noch größere Gefahr tauchte auf. Ein Graureiher stelzte Schritt für Schritt im seichten Wasser. Den Blick starr auf die Wasseroberfläche – und was sich darunter bewegen mochte – gerichtet, näherte er sich unaufhaltsam dem Haubentauchernest. Reiher sind zwar als Fledermausfeinspitze nicht gerade berühmt, doch so ein kleiner Happen, wie Karl ihn darstellte, mochte ihm dennoch willkommen sein. Schon stieß der lange, spitze Schnabel nach Karl.

Dieser spreizte die Arme und Finger – ja eine Fledermaus hat enorm lange Finger – so weit er nur konnte. Das ließ ihn viel größer erscheinen als er wirklich war. Den Reiher musste das beeindruckt haben, denn mit einer ruckartigen Bewegung des Kopfes warf er den Unglücklichen – oder sehr, sehr Glücklichen – ins lange Ufergras. Egon stürzte herbei und musterte den Freund von oben bis unten. So weit man das sagen konnte, war er unverletzt, doch Karl hatte sein letztes Stündlein schon nahen gesehen.

Nun wollte er nichts wie weg von dieser gefährlichen, feuchten Gegend. „Fürchten kann ich mich auch im Wald, wenn es schon sein muss, hier ist es mir zu abenteuerlich“, raunzte er und begann, sich wieder humpelnd in Bewegung zu setzen. „Der Reiher hat dich sicher für einen fliegenden Fisch gehalten“, scherzte Egon, sein Freund fand das aber gar nicht witzig.

Sie näherten sich wieder dem Wald, der Karl zumindest das Gefühl der Sicherheit bot. Dabei war ihm klar, mit dem Fliegen war es wieder für einige Zeit vorbei. Bevor sie wieder unter das Blätterdach der hohen Bäume eintauchen konnten, mussten sie noch den Streifen des immer höher wachsenden Buschwerks durchqueren.

Hier war besondere Vorsicht geboten, denn diese Zone zwischen hell und dunkel war ein beliebtes Jagdgebiet für viele Fleischesser. Der laute Ruf eines Vogels schreckte sie auf, es hörte sich wie „schack-schack-schack“ an. Karl deutete diesen Schrei als Drohung und hatte damit nicht einmal so Unrecht. Genau genommen war es sowohl Drohung als auch Warnung. Wieder beschwichtigte Egon. Es würde sich nur um Roman, die Elster handeln, einen Freund sozusagen.

Karl war immer wieder erstaunt, wie Egon die Vögel nicht nur nach ihrem Ruf sondern auch nach ihren Flugbildern auf Anhieb richtig benennen konnte.

Die Elster setzte zur Landung an und machte es sich auf einem Ast direkt über ihnen bequem. Das Fledermäuschen fühlte sich gar nicht wohl in dieser Situation.

Karl wusste von Egon, dass Rabenvögel durchaus nichts gegen ein Mäuschen als Mahlzeit einzuwenden hatten. Dass die Elster zu diesen Krähenverwandten zählte, war unverkennbar, auch wenn sie sich mit ihren weißen Federn im schwarzen Anzug doch von den Dohlen, Raben und Krähen unterschied. Warum sollte sich also eine Elster nicht auch an einer Maus, gar einer Fledermaus, vergreifen. Aus welchen Gründen immer Egon diesen Roman als Freund bezeichnete, die Sache kam Karl doch etwas spanisch vor. Aber seine Meinung änderte sich schnell. Was Roman erzählte, war höchst interessant und aufregend. Roman hörte sich Egons genauen Bericht an und sagte dann verwundert: „Da seid ihr ja gar nicht weit weg von Karls Herkunftsort. Das Haus steht ja gleich auf der anderen Seite des Waldes. In zwei Tagen müsstet ihr das auch bei Karls Windhundtempo schaffen“. Roman grinste und berichtete weiter, dass er die Gegend genau kenne, schließlich fliege er fast jeden Tag auf die große Fichte vor dem Haus, kenne Franz Xaver gut und habe sich sogar schon einmal das Loch unter dem Giebel genauer angeschaut. Während Roman das erzählte, begann Karl vor Aufregung zu zittern.

Als Roman gerade von der Fichte sprach, wusste Karl im selben Moment, dass es sich um „sein Haus“ handeln musste. Seine Freude darüber wurde nur durch ein lästiges, bohrendes Hungergefühl getrübt. Und wirklich, er hatte schon längere Zeit nichts mehr gegessen, für eine Fledermaus, wie wir wissen, gar keine ungefährliche Sache. So angestrengt er auch den Boden absuchte, dieses Mal fand er überhaupt nichts, was sich als fressbar herausgestellt hätte. Roman deute auf einen Baumstamm ganz in der Nähe: „Schau, dort drüben sitzt ja ein wahrer Leckerbissen für dich, genug für den ganzen Tag“. Karl machte große Augen, aber er konnte bei bestem Willen nichts entdecken.

Roman deutete noch einmal auf die Rinde des Kiefernstammes, sah aber noch immer nichts – außer rissige Rinde natürlich. Egon rief plötzlich „Spinner!“ Karl war beleidigt, der „Spinner“ galt aber nicht ihm, Egon hatte den Schmetterling auf der Rinde, ein gut getarntes Exemplar aus der Familie der Spinner, entdeckt. Jetzt erst bemerkte Karl den Kiefernspinner, der sich reglos an die Rinde schmiegte und sich von dieser kaum abhob. Hätte er sich bewegt, wäre er natürlich auch Karl sofort aufgefallen. Nun denn, er schmeckte vortrefflich.

Bevor sich Roman verabschiedete, beschrieb er noch einmal ganz genau die Richtung, in die sie zu ziehen hatten. Er versprach, bei Gelegenheit wieder vorbeizuschauen, nur so für den Fall, dass sie wieder vom Weg abkommen würden oder Hilfe brauchen würden.

Karl und Egon setzten ihre Wanderung gut gelaunt fort. Wenigstens hatten sie jetzt einen gewissen Plan. Egon blickte in die Richtung, in der das Haus liegen sollte, betrachtete dann eingehend das Moos auf den Baumstämmen, überlegte kurz und sagte dann: „Merke dir, Nordwest!“ Karl verstand gar nichts. Dann ließ er sich belehren, dass man vom Moosbewuchs der Bäume auf die Himmelsrichtungen schließen konnte. „Aha“, war alles, was er dazu sagte.

Nach drei Stunden Wanderung waren plötzlich keine Bäume und daher auch kein Moos mehr da, das die Richtung anzeigen konnte. Sie hatten sich offensichtlich trotz Mooskompass verlaufen, oder besser verkrochen. Vor ihnen tauchte nämlich wieder der Teich auf, vor dem sie geflüchtet waren. Sie waren im Kreis gewandert. Das bestätigte ihnen auch ein Wasserfrosch, der ihren Abmarsch und ihre Rückkehr mit Verwunderung verfolgt hatte. So sagte er jedenfalls.

Karl konnte sich getäuscht haben, aber ihm kam vor, der Wasserfrosch grinste. Sein ohnehin schon breites Maul schien sich noch mehr zu verbreitern. Was der Frosch dann aber sagte, ließ die zwei Freunde aufatmen: „Nein, nein, ihr seid nicht im Kreis gelaufen, ich habe euch noch nie zuvor gesehen, das hier ist wohl ein anderer Teich, es gibt ja so viele davon hier in der Gegend“. Jetzt wussten sie, dass sie doch auf dem richtigen Weg waren. Egon war froh, dass seine Himmelsrichtungsbestimmung nicht versagt hatte und Karl konnte es nicht erwarten, wieder weiter zu marschieren.

FORTSETZUNG SIEHE TEIL 2

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at

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