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Ausgeliefert

Lange Zeit hatte ich es warm. Ich fühlte mich geborgen in der feuchten Dunkelheit. Dann kam der erste Schock. Ich wurde geboren.
Die Zunge meiner Mutter leckte über mein Fell. Starke Hände stellten mich auf die Beine und führten mich an die Milchquelle heran.
Bald schon war ich alleine imstande, die Nahrungsquelle zu finden, und zu saugen, wann immer ich Hunger verspürte.
Alles war neu, aber ich fand es interessant. Helligkeit und Dunkelheit wechselten sich ab. Nachdem es ein paar mal dunkel und hell geworden war, holten mich zwei Zweibeiner. Einer hielt mich fest und der andere machte etwas an meinem Kopf über meinen Ohren. Ich schrie vor Schreck und Schmerz. Sie brachten mich wieder zurück zu meiner Mutter, und bald war alles wieder gut.
Wochen und Monate verbrachte ich in der Nähe meiner Mutter. Dann trennte man mich von ihr, sperrte mich mit Gleichaltrigen in einen Verschlag aus Holz. All mein Schreien half nichts. Man ließ mich nicht mehr zu ihr zurück. Zusammen mit anderen meiner Artgenossen wurde ich eines Tages auf ein seltsames Gefährt verladen. Das ging nicht ohne Probleme ab. Ich hatte Angst. Mit diesem Gefühl stand ich nicht alleine da.
Das Gefährt setzte sich holpernd in Bewegung.
Schließlich hielt es an, und wir wurden über eine Planke wieder auf den Erdboden und gleich durch ein Gatter auf eine Wiese getrieben.
Hier blieb ich viele Tage und Nächte. Es war eine schöne Zeit, wenn auch manchmal etwas zu warm und dann wieder zu nass. Aber hier traf ich meine Mutter wieder und ich hatte Gefährten in meinem Alter. Jeden Abend kam einer der Zweibeiner vorbei und ging dann wieder, ohne uns zu belästigen.
Eines Tages wurde ich und noch ein paar meiner Altersgenossen eingefangen. Zweibeiner legten uns Stricke um unsere Hälse, und wir wurden fortgeführt. Ich wurde vorwärts gezogen und gestoßen. Alles Sträuben half nichts.
Wieder einmal verlud man mich und meine Gefährten auf dieses wackelige Ding. Diesmal dauerte die Fahrt länger.
Schließlich wurden wir ausgeladen und nebeneinander an Ringe gebunden. Ich und meine Kameraden muhten und rollten mit den Augen. Wir waren sehr durcheinander.
Eine laute Stimme übertraf alle anderen Geräusche. Ringsum standen viele Artgenossen, angebunden wie wir. Zweibeiner überall, so viele, wie ich in meinem bisherigen Leben noch nicht gesehen hatte.
Irgendwann wurde ich losgemacht, und mit Zerren und Schubsen in ein großes, sandiges Viereck gebracht. Dort führte mich der Zweibeiner, der schon bei meiner Geburt dabei gewesen war, im Kreis herum. Diese laute Stimme, die scheppernd von überall her zu kommen schien!
Es verlief wohl nicht so, wie es sollte, denn ich spürte, dass der Zweibeiner unzufrieden war. Er zog mich wieder aus dem Viereck und brachte mich in einen Pferch, in dem schon einige meiner Art herumstanden. Als es dunkel wurde, trieb man uns in einen großen Stall. Wir wurden gefüttert und getränkt. Ich sah nur noch fremde Zweibeiner und fremde Artgenossen.
Am Morgen wurde ich und ein paar der anderen geholt und schon wieder auf ein Gefährt, dieses Mal ein größeres, verfrachtet.
Immer mehr Artgenossen wurden hereingebracht, ganz eng wurde es.
Endlich ging die Fahrt los. Es schien endlos zu dauern. Wir alle wurden immer durstiger. In einer ganz besonders engen Kurve fielen ein paar von uns um, und kamen fast nicht mehr auf die Beine, weil das Fahrzeug rüttelte und schaukelte.
Jetzt kam auch noch der Hunger dazu. Viele von uns fingen an zu brüllen, aber auch wenn das Gefährt stehen blieb, kam niemand um uns herauszuholen.
Es wurde Nacht. Und weiter ging es. Erschöpft und verzagt ließ ich den Kopf hängen.
Draußen, vor den kleinen vergitterten Öffnungen, erwachte ein neuer Tag. Wie lange würde das noch so weitergehen?
Irgendwann schließlich hielt der Transporter wieder an. Die Türen gingen auf, und wir wurden über eine Rampe und weiter in einen Pferch geführt. Hier gab es Futter und Wasser!
Nachdem ich satt war und auch meinen Durst gestillt hatte, machte ich einen kleinen Erkundungsgang. Ganz in der Nähe stand ein großes Haus. Es verströmte einen eigenartigen Geruch.
Abermals wurde es Nacht.

Der neue Tag ist da.
Ein Gefährte nach dem anderen wird aus dem Pferch geholt. Beunruhigung. In mir. Um mich. Was geschieht in dem Haus, in das sie alle der Reihe nach gebracht werden?
Jetzt kommt ein Zweibeiner auf mich zu. Wieder dieser Geruch! Stärker diesmal, viel stärker. Ich versuche auszuweichen, Furcht packt mich. Aber es gibt kein Entkommen. Der Zweibeiner zerrt an meinem Strick. Weil ich mich gar so arg wehre, kommt noch ein zweiter dazu. Er schlägt mit einem Stock auf mein Hinterteil und verdreht mir den Schwanz.
Der Schmerz treibt mich vorwärts, auf das offenstehende Tor, aus dem seltsame Geräusche dringen, zu. Widerlicher Geruch schlägt mir entgegen. Ich stemme meine Vorderbeine in den Boden. Doch das ist nur eine kleine Verzögerung. Wie meine Artgenossen, und andere Vierbeiner, vor mir, werde ich über die Schwelle gezerrt.

© Silvia Flür-Vonstadl 2005

Autor: Silvia Flür-Vonstadl
masima@gfluer.at      
http://www. gfluer.at

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1 Kommentar

  1. Lies

    Hi Silvia

    Das ist wohl eine der Tiergeschichten, die unter die Haut gehen und einen zum Vegetarier machen können.

    Gut geschrieben, einfühlsam aufgezeichnet.

    Lies

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