Die kühle, feuchte Gartenluft empfing sie, alle vier, an diesem frühen Sonntagmorgen. Nichts hielt sie auf, die Stille auf leisen Katzenpfoten zu erobern.
„Määkmääkmääk!“ Unverkennbar seine Stimme.
„Mäkmäkmäk!“ Schon stand er vor mir im Wohnzimmer und trug stolz sein Geschenk quer im Maul. Ein dunkelbraunes großes Tier mit buschigem Schwanz. Ein Eichhörnchen! Ja, ein ausgewachse-nes Eichhörnchen! Ich war schockiert!
Tijo, mein mutiger Krieger, wollte jetzt gelobt werden. So gehört es sich. Eine gesunde Dosierung aus Lob und Entsetzen ist nicht leicht und gleichzeitig behutsam den Jäger überreden, mir seinen Fang zu überlassen. Keine hastigen Bewegungen befahl ich mir. Ich hörte, wie ich leise sprach, alle Vokale zur verstärkten Beruhigung in die Länge zog. Für alle Beteiligten. Wie schwer war das Eichhörnchen verletzt? Lebte es noch? Es hing in sicherer Tragestarre, die Augen geschlossen, als Tijo mit ihm in der äußersten Ecke unter dem Sofa verschwand. Armes Eichhörnchen, nicht zappeln, nicht bewegen, betete ich.
Miiauau määh, acht Pfoten trippelten neugierig in Richtung Beuteecke, miauau, das bedeutete: wir waren es nicht, wir haben nur zugeguckt. Zuerst die beiden Vorwitzperser ‚entfernen’! Immer diese sensationslustigen Beutetouristen, sie behindern nur die Erste Hilfe! Ich blieb ganz ruhig. Das arme Eichhörnchen! Ich muss ihm helfen! Tijo ablenken von dem bedauernswerten Haselnusssammler.
Kennt sich ein Tierarzt mit Eichhörnchen aus? Fragen schossen mir durch den Kopf; oh Gott, heute ist Sonntag, wer hat Notdienst? Wo ist das Telefon? Mein Herz klopfte laut und dumpf, als ich das Sofa vorsichtig von der Wand zog. Tijo richtete sich auf, drehte den Kopf zu mir, hielt alle anderen Sinne auf den leblosen, braunen Körper gerichtet. Das war meine Chance: kein Blickkontakt, kein Interesse mehr am Objekt. Die Beute musste verschwinden. Jetzt! Wie? Im Bruchteil einer Sekunde hatte ich mein T-shirt ausgezogen, warf es über den kleinen leblosen Körper, husch und weg. Hoffentlich erschreckt sich das Eichhörnchen nicht, flüchtet in sein Verderben, hoffentlich fühlt es sich nicht bedroht vom nachtverschwitzten Menschengeruch! Hoffentlich bleibt es liegen! Hoffentlich kommt Rakun, mein Norweger, nicht noch dazu!
Mit festem Griff trug ich Tijo in den Flur, vergaß nicht, ihn zu loben, bedankte mich für das außergewöhnliche Sonntagspräsent, befahl meinem Herzschlag sich zu mäßigen. Nur keine Panik verursachen. Auf Zehenspitzen schlich ich mich zu meinem Patienten. Die Angst vor der Wahrheit wich der Bitte, ich möge es retten können. Irgendwie. Vorsichtig, fast im Zeitlupentempo hob ich die T-shirtschutzbedeckung. Es rührte sich nicht.
Das Eichhörnchen lag auf der Seite, die Augen geschlossen, Vorder- und Hinterpfötchen umrahmten den schneeweißen Bauch. Das buschige, fast schwarze Schwänzchen nach oben gekrümmt, wie ein Katzen-Spazierstock-Begrüßungs-Schwanz. Der kleine Körper zitterte in unregelmäßigen Abständen, Hände und
Die beiden unteren Schneidezähne konnte ich gut erkennen, sie bewegten sich mit dem weißen Kinn, so als ob es vor Kälte bibberte.
Es erschrak nicht, als ich meine Hände leicht um seinen Körper legte.Sie sollten den kleinen Körper wärmen, ihm Kraft und Energie spenden. Ihm jegliche Angst nehmen. Meine Tetanusschutzimpfung war noch gültig, fiel mir ein.
„Beiß mich ruhig, wenn du magst. Ich tue dir nichts, hab keine Angst.“ flüsterte ich. „Oh, du armes Eichhörnchen!“
Eine große Wunde auf dem Kopf, direkt zwischen den Öhrchen war blutig verklebt, eine Beule hatte sich gebildet, für dieses Köpfchen viel zu groß.
Es muss ein harter, schlimmer, unbarmherziger Kampf gewesen sein. Überall im Fell waren Blättchen, kleine Äste und Erdklümpchen mit Blut verschmiert. Was mache ich nur? Oh, was kann ich tun? Wie kann ich helfen? Alles ging so schnell und dauerte doch so lange, viel zu lange.
Sein Kopf muss höher liegen! Es darf nicht ersticken! Es muss raus an die frische Luft, Freiheit fühlen können, Freiheit, die Leben bedeutet. Oh, armes Eichhörnchen! Es muss zurück in seine vertraute Umgebung, es braucht den Geruch von frischen Haselnussblättern und -zweigen, es muss den Wind hören, wie er das Laub rascheln lässt. Das Krankenlager muss trocken und sicher vor Angreifern sein. Die bedauernswerte Kreatur muss leicht wieder herausklettern können, zurück in den Wald, zurück in sein Leben.
Im Geiste sah ich meinen kleinen, flinken Fellfreund. Wie ein Baumakrobat hangelte er sich von Ast zu Ast. Die Blätter raschelten verräterisch nach jedem Sprung und verrieten mir, wo er nicht mehr war. Ich blickte in zwei kleine wachsame dunkle Knopfaugen, sie musterten mich aufmerksam. Wir waren uns nicht unbekannt. Wir trafen uns jeden Spätnachmittag, mehrmals abends in der Dämmerung, auch ab und zu zu später Stunde. Er kannte meine Stimme. Er hörte immer meine Rufe nach meinem kleinen Findelkater mit der schneeweißen Brust und dem grau getupften Bauch, diesem eigensinnigen Dickichtstreuner, dem Unkraut-Dschungelprinzen, dem Wiesentänzer, dem Versteckmännchen.
Sind Eichhörnchen Einzelgänger? Leben sie im Familienverbund? Noch nie zuvor hatte ich mir Gedanken darüber gemacht.
Das Eichhörnchlaubbett in einem Platikkasten wurde seine letzte Ruhestätte. Ein paar Tränen tropften noch auf sein Fell, bevor es sich auf seinen letzten Weg machte, begleitet von meinen guten Wünschen und meiner Bitte der Natur zu verzeihen. Besonders mir zu verzeihen, dass ich es nicht verhindern konnte, dass Eichhornfrau und Kind nun alleine sind.
Verschwommen mein Gefühl, wie es ist eine Katze lieb zu haben….
© JO 14-9-05
Autor: Henriette Jorjan
jopat@freenet.de

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