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Leon bei den „Dahus“ in Chamonix

Ha, ich sehe euch schon verständnislos grinsen: „Dahu“ ? (sprich: da:ü), was ist denn das? Klar, nicht jeder kennt sich da aus; aber mein DH hat es mir genau erklärt: ein Dahu ist so eine Art „Wolpertinger“; die gibt`s , glaub ich, noch in Bayern; aber ein richtiger Dahu, der existiert nur in Chamonix. Er ist äußerst scheu und zeigt sich – wenn überhaupt – nur Sonntagskindern und, na? – Leons natürlich. (Aber nur bei Vollmond!)

Also, ein Dahu hat den Körper eines Wolfes, den Schwanz eines Auerhahns und – als Besonderheit – zwei Beine auf einer Seite, zur Bergseite nämlich, sind kürzer als auf der Talseite; damit kann er natürlich besser an den Bergflanken laufen. So, jetzt wisst ihr, was ein Dahu ist.

Wie gesagt, Dahus kommen nur in Chamonix vor!

Was lag daher näher, als mal dahin zu fahren? DH und DF hatten dort gegen Ende September eine Wohnung reserviert mit Blick auf den Aiguille du Midi und weiter nach rechts auf den mächtigen, eisigen Mont Blanc.

Nachdem wir uns installiert hatten, hielt es uns nicht lange in der Wohnung. Mussten wir doch das Terrain sondieren; denn bald war Vollmond und die Dahus sollten sich ja vorher von meiner Harmlosigkeit überzeugen;
Aber, wo waren ihre Verstecke?

Das Wetter war uns anfangs nicht wohl gesonnen. Ein hässlicher Regen fiel in dicken Tropfen auf uns herab. Aber schließlich verlangt die Hundenatur ja auch ihr Recht und außerdem musste das Revier markiert werden. Also raus!

Überall neue Gerüche, Spuren unbekannter Art – waren das etwa schon die gesuchten Dahus? Ich wurde richtig nervös – bildete ich mir als Optimist doch tatsächlich ein, sofort einen Dahu zu sehen.

Die einbrechende Dämmerung zwang uns, den ersten Erkundungslauf abzubrechen.

In der Nacht träumte mir, auf meinen Streifzügen einen Dahu aufgespürt zu haben und meldete das mit freudigem Bellen an. DH musste mich erst wieder beruhigen und klar machen, dass das nur ein schöner Traum war.

Am nächsten Morgen – kurz vor sechs Uhr – noch lag tiefe Dunkelheit über dem Tal – marschierte ich ins Schlafzimmer, um mein Rudel zu wecken. Trotz meines Bärenhungers, gestern während der Autofahrt hab´ ich ja nur wenig bekommen, hatte ich meine eigentlich Aufgabe, endlich einen echten Dahu kennen zu lernen, nicht vergessen. Das sollte möglichst bald geschehen.

Gott sei Dank war die Wohnung zu ebener Erde, so dass ich rasch über die Terrasse raus konnte, einen Strauch besuchte und sofort zurückstürmte. Das wartete nämlich ein kräftiges Frühstück auf mich.

Bekanntlich studiert ein voller Bauch nicht gern und der Besitzer eines solchen mag auch nicht sofort durch dichtes Unterholz, eiskalte Gebirgsbäche, steile Anstiege und halsbrecherische Abstiege laufen; es muss ja alles ernsthaft überdacht werden. Und das geht natürlich nur, wenn man sich verinnerlicht und die Außenwelt durch Schließen der Augen ausblendet.

Dann kann man sich alles wirklich vorstellen.

Donnerwetter! Mit einem Ruck fahr ich hoch. Da bin ich doch tatsächlich wieder fest eingeschlafen! Muntere Stimmen reißen mich aus meinen „Vorstellungen“. Die Sonne scheint hell ins Zimmer. Es duftet verführerisch nach frischem, knusperigem Baguette. Das ist natürlich nur für verweichlichte Menschen – „harte Hunde“ – brauchen etwas anderes: einen argentinischen Kauknochen, aus Büffelhaut, zum Beispiel.

DF und DH studieren eine Karte. Dann machen sie sich wanderfertig. Ich blicke sie erwartungsvoll an. „Hoffentlich vergessen sie nicht die Leckerlies“, denke ich noch, da wirft mir DF schon eine Kostprobe zu.
Elegant schnappe ich sie aus der Luft. Schluck! Weg!

Raus aus der Wohnung. Ein kleiner Durchgang. Da duftet es nach allen Wohlgerüchen, die ein Hundeherz höher schlagen lassen: Wurst, Käse, frisches Brot, und, und…aber brutal zieht mich DH daran vorbei. Auf der anderen Straßenseite habe ich schon alles vergessen, neue Spuren, Botschaften anderer Hunde, selbst markieren, usw.

Zuerst passieren wir noch mit Zäunen, Hecken oder Sträuchern eingefriedete Grundstücke. Gleich beim ersten hat mich ein riesiger Wolfshund an einem Loch in der Hecke durch sein wütendes, aggressives Gebell erschreckt. Ich war richtig fertig; DH hat mich aber sofort wieder „aufgebaut“. Später, wenn ich dann da vorbeikam, habe ich immer an der Lücke mein Bein gehoben und damit dem angeleinten Cerberus gezeigt, wo der Barthel den Most holt. Oh Gott, war der immer sauer. Er konnte mir ja gar nichts tun: denn erstens waren DH und DF bei mir und zweitens war sein eigener Aktionsradius durch die Laufleine begrenzt.

Auf den Wiesen und an den Waldrändern wuchs ein schmackhaftes Gras, das ich für meine Verdauung brauche, minutenlang auswähle und genüsslich abknabbere. Dann wieder preschte ich weiter durch dichtes Unterholz und Gestrüpp, so dass DH und DF kaum folgen konnten. Da – eine neue Spur, fremd und unbekannt! Sollte das etwa die Fährte eines Dahus sein? Nase runter und geschnüffelt, das die welken, bunten Blätter wie die Bugwelle bei einem Schiff auseinander flogen; ein immer lauter werdendes Rauschen kam hinzu. Wild zog ich vorwärts. Der Waldrand war erreicht: – ich stand oben am Steilufer des Aveyron: ein breites, mit glatt geschliffenen Riesensteinen chaotisch gefülltes Flussbett, überspült vom brausenden Wasser des noch jungen Flusses. Unmittelbar vor mir befand sich eine kleine Sandbank, die auf meiner Seite von ruhig strömenden Wassern umgeben war. Ein querliegender Baumstamm bot zusätzlichen Schutz.

Mit drei, vier Sätzen war ich unten; DH musste die Leine loslassen, sonst hätte er sich unter Umständen im eiskalten Wasser des Aveyron wieder gefunden. Ich sah nur das Wasser und hinein!

Plötzlich erblicke ich oben am Uferrand einen Artgenossen. Wie der Blitz ist er bei mir; wilde, stürmische Begrüßung als wären wir alte Bekannte. Und dann wird getobt! Sein Herrchen – die beiden kamen übrigens aus Versailles und verbrachten auch ein paar Tage Urlaub hier – wirft Äste, Stöckchen, Steine ins Wasser. Ein schwerer Stock geht unter, ich rein ins Wasser – muss tauchen und unter Wasser buddeln, weil der Ast fest sitzt.

„Nur die Schwanzspitze hat noch rausgeragt“, hat DH nachher voller Stolz erzählt. (..als wenn er diese Heldentat vollbracht hätte! Der Angeber!)

Wir müssen weiter; auf einer nahe gelegenen Wiese – ehemaliger Landeplatz des Drachenflieger-Club Chamonix – jage ich wie ein Weltmeister umher: Beschleunigung, Haken schlagen, Luftsprünge, Vollbremsungen. Mann-o-Mann, war das ein Erlebnis! Mein Fell ist fast ganz trocken. Mit glänzenden Augen sitze ich vor DH und stupse ihn vorsichtig mit der Nase an: “Na, Alter, wie sieht`s mit einem Leckerlie aus???“

(Ehrlich, die Belohnung hatte ich mir wahrlich verdient, denk ich mal….)

Als wir dann zuhause sind, spüre ich doch die ungewohnte Anstrengung. Dieses Abenteuer hat ganz schön geschlaucht. Eine wohltuende Müdigkeit überfällt mich; DF rückt auf der Couch etwas zur Seite, eine einladende Geste und mit staksigen Beinen klettere ich hinauf, rolle mich zusammen, schließe zufrieden die Augen und fühle mich sicher und geborgen.

Einige Zeit später – ich war schon überall bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“ und hatte unzählige Bekanntschaften geschlossen – kamen wir auf unseren Wanderungen zu einer sonnenüberfluteten Lichtung. Da spielte eine junge Mutter mit ihrem kleinen Töchterchen auf dem warmen Boden. Kaum hatte die Kleine mich gesehen, als sie auch schon mit freudigen Jubelrufen auf mich los stürzte. Die Mutter fragte erschreckt, ob ich beiße. DH beruhigte sie aber mit den Worten, dass ich – seines Wissens – noch keine kleinen Mädchen ganz aufgefressen hätte.

Anne, so hieß sie, war etwa einen Kopf größer als ich, umhalste mich gleich ohne Scheu, küsste meine Ohren (da bin ich doch so kitzelig!), streichelte meinen Rücken und wühlte förmlich ihr Gesicht in mein Fell. Das gefiel mir natürlich und ich legte mich auf die Seite, um diese Liebkosungen so richtig zu genießen. Ohne lange zu zögern, folgte sie dem Beispiel und kuschelte sich an mich; als ich dann noch meine rechte Vorderpranke über sie legte und ihr Gesicht und Hände abschleckte, war sie selig. Sie quietschte, strampelte und krähte vor Vergnügen. Bisou – Bisou.

Natürlich gab`s nicht nur angenehme Zeitgenossen, sowohl bei Mensch als auch bei Tier. Einige unter ihnen warfen uns böse Blicke zu; mehr war da wohl nicht drin. Denn meine stattliche Figur flößte ihnen schon den gebührenden Respekt ein. Andere Hundehalter bogen vorher ab oder kehrten sofort um, wenn sie uns sahen. Aber, mit denen wir Kontakt aufnahmen, war immer gut Auskommen. Dabei versuchte ich auch, Informationen über Dahus von ihnen zu bekommen. Manchen sagte der Name gar nichts; andere wiederum – besonders die Einheimischen – taten sehr geheimnisvoll oder blickten mich misstrauisch an.

Schließlich traf ich einen alten, lahmen, halbblinden Sennhund. „Suchen nützt da gar nichts“, verriet er mir.
„Du kannst dich nur in einer Vollmondnacht an einer Bergflanke verstecken, warten und hoffen, dass sie vorbeikommen. Aber Vorsicht! Bonne chance, mompti“.

Die Nacht des Vollmondes kam heran. Ich spürte es mit allen Fasern meines Körpers: „Dahu! Dahu!“ pochte mein Herz. Nur, wie jetzt DH klar machen, mitten in der Nacht rauszugehen? Ich spielte den unruhigen Geist, lief von einer Stelle zur anderen, dann zur Tür und setzte mich wartend davor. Das muss er doch merken!

Endlich hat er kapiert. Draußen zog ich gleich rechts zum nächsten Hang. Bleich schimmerten die weiten Eis- und Schneefelder des Mont Blanc im geheimnisvollen, fahlen Licht des Mondes. Stille! Absolute Stille! Nur weit entfernt rauschte leise der Aveyron.

Zuerst sitze ich erwartungsvoll in Horchstellung – nichts – nichts tut sich. Dann lege ich mich hin, den Kopf aufmerksam auf die ausgestreckten Vorderpfoten. Warten ist verdammt anstrengend. Ab und zu werden die Augen schon kleiner, das Mondlicht verschwindet gelegentlich, der Atem geht gleichmäßiger.

Da! Mit einem Schlag bin ich hellwach. Da sind sie! Ich sehe sie: Dahus! Aus allen Richtungen: von vorn, von hinten, von unten, von oben! Und jeweils zur Bergseite hin sind ihre Beine kürzer! Das ist eine Sensation: die von vorn kommen, haben links kürzere Beine; diejenigen von hinten, haben rechts kürzere Beine; die von unten haben ganz kurze Vorderbeine und die von oben ganz kurze Hinterläufe!!! Das hatte ich nicht erwartet! Eine Sensation. „Das muss ich sofort DH und DF zeigen“ jubiliere ich siegestrunken.

Ich will aufspringen und zurücklaufen. Doch irgendetwas umklammert mich, hält mich fest! So sehr ich auch versuche zu rennen – nichts – ich bewege mich nicht von der Stelle! Panik überfällt mich. Knurrend und hechelnd will ich der Starre entfliehen, ich zittere vor Anstrengung, meine Läufe zucken unkontrolliert. Das Zucken greift auf den ganzen Körper über. Ich stöhne wild, winsele erbärmlich, versuche zu bellen: nichts; kein Laut kommt aus meiner Kehle, nicht die geringste Bewegung: eine totale Lähmung hält mich am Boden fest.

Etwas greift beruhigend in meinen Nacken, schüttelt mich sanft und dann höre ich ganz weit entfernt eine vertraute Stimme: „Ruhig, Leon, ganz ruhig! Aufwachen. Du hast mal wieder geträumt! Es ist alles in Ordnung. Wir sind noch da.“

Ha, geträumt! Das glaubt DH doch selbst nicht. Ich habe die Dahus ganz genau mit eigenen Augen gesehen!
OK, beweisen kann ich das natürlich nicht. Wie sollte ich auch? Aber, Freunde, ihr werdet doch einem ehrlichen Hund nicht zutrauen, dass er euch beschwindelt, oder?

Ich weiß, einer von den alten Dahus hat mir sogar zugeblinzelt, als wenn er sagen wollte, dass mir das sowieso keiner glauben wird.

Aber, liebe Freunde, ihr vertraut mir doch wenigstens, nicht wahr? Sonst schwindele ich euch beim nächsten Mal nichts mehr vor, ehrlich!

Und tschüss

Euer Leon

Autor: Friedhelm Markmann

markmannfried@web.de

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