«

»

Artikel drucken

Der Bandit

Spät am Abend, der Mond schwebte fast kugelrund am Nachthimmel… und ich war einfach zu müde um diese klare frische Nacht zu genießen. So zog ich´s vor es mir in meinem Bett gemütlich zu machen und mich für den kommenden Tag mal gründlich auszuschlafen. Es war eine ruhige, windstille Nacht – ab und an zirpte eine Grille, irgendwo in der Ferne auf den Feldern hinter meinem Haus hörte ich den Ruf eines Fasans – was der wohl zu so später Stunde noch kundzutun hatte? Ein zartes Rascheln im Marillenbaum („Marille“ = Aprikose; nur halt österreichisch…) vor meinem Schlafzimmerfenster – vielleicht doch ein leichter Windhauch? Oder eine Katze auf nächtlicher Patrouille? Egal, die Augen fielen mir zu und ich hörte auch nichts mehr von den Geschehnissen in meinem Garten … bis… ja, bis ein lautes Rumpeln und Poltern mich hochfahren ließ!

Gewöhnlich rumpelte es an der Fassade wenn die Äste des Marillenbaums bei Sturm dagegen schlagen… aber immer noch rührte sich kein Lüftchen! Außerdem kenne ich dieses Geräusch nur zu gut, dieser Lärm eben klang doch anders! Eine kurze Weile war es wieder ruhig, ich begann gerade an meiner Wahrnehmung zu zweifeln und wollte es auf einen Traum schieben, als es im Garten erneut schepperte! Hatte ich das blecherne Einfahrtstor nicht ordentlich geschlossen? Aber wie sollte es scheppern wenn doch kein Wind ging …?

Normalerweise bin ich nicht ängstlich, entgegen aller Warnungen von lieben Freunden und den Äußerungen ihrer Bedenken (Wie kannst Du nur als junge Frau und ganz alleine und überhaupt – in einem Haus so weit draußen am Land – wohnen? Hast Du denn keine Angst vor Einbrechern? Leg´ Dir doch zumindest einen guten Wachhund zu! etc, etc….) lebe ich gerne und ohne Unsicherheitsgefühl (und ohne Wachhund!) in meinem alten Häuschen.

Kurzfristig kam mir jedoch der Gedanke ob meine Freunde nicht vielleicht ein wenig recht hatten mit ihren Einbrecher-Visionen… Es rumpelte bereits wieder im Garten – und ich schlüpfte aus meinem Bett, pirschte mich ans Fenster – und konnte nichts erkennen – der Mond schien nur noch dünn leuchtend hinter einer Wolke und es war einfach zu schummrig um etwas auszumachen…… außerdem lag die Hälfte meines Gartens im Schatten, die Mauern drumherum und der gemauerte Stadel ließen das fahle Mondlicht nicht überall hin dringen.

Im Dunkeln schlich ich aus dem Schlafzimmer, auf dem Weg durchs Vorzimmer schnappte ich meine Taschenlampe und kollidierte zwei Schritte weiter mit meiner Katze, die ob meiner nächtlichen Wanderschaft auch keine Ruhe mehr fand. Meine Brille mitzunehmen wäre vielleicht auch taktisch klug gewesen, doch ich zog es vor, im Schein meiner batterieschwach-blinzelnden Taschenlampe die Stufen zu meiner Veranda hinunter zu stolpern… Bei der Verandatür angekommen schaltete ich meine Gartenbeleuchtung an und trat hinaus… Stille!… kurzsichtigen Blickes suchte ich den Garten ab… kein Einbrecher zu sehen (… ich hab´s ja gewusst!)

… meine Bio-Müll-Tonne lag, vornüber gekippt mit offenem Deckel, vor dem Scheunentor… der Inhalt selbiger im Umkreis verstreut, sehr dekorativ mit Bananenschalen und vergammeltem Salat arrangiert. Während ich das Desaster in seinem vollen Umfang zu begreifen versuchte regte sich im finsteren Winkel der Stadelmauer ein Schatten. Ein maskiertes Gesicht sah mir entgegen. Also doch ein Einbrecher!

Nach kurzem Erschrecken musste ich beinahe lachen – der Bandit war scheinbar mehr schockiert über meine Anwesenheit als ich über die seine. Er riss den Kopf in die Höhe und setzte sich schnellen Schrittes (immer schön die Wand lang) in Bewegung. Er war von beachtlicher Größe – eher etwas mollig geraten aber durchaus athletisch. Auf halber Strecke (mitten im verstreuten Inhalt meiner Bio-Tonne) hielt er inne. Unschlüssig sah er auf die Kartoffelschalen – sah noch einmal zu mir – und war sich scheinbar nicht sicher ob er seine Position verteidigen, oder doch lieber feige den Rückzug antreten sollte. Er entschied sich für einen nicht sehr heldenhaften Abgang. Ein kurzer Sicherungsblick in meine Richtung – ich stand ca. 2einhalb Meter von ihm entfernt und rührte mich nicht – und er startete durch. Sein Fluchtweg führte den Maskierten in die andere Ecke des Gartens, sozusagen zum Hinterausgang – dort ist ein hölzernes altes Tor, mit einem kleinen Durchgang für meine Katze. Hier war er eingedrungen, und hier wollte er wieder entkommen. Er rannte, wie es schien um sein Leben, schlug einen seitlichen Haken und stürmte durch´s Tor. Das Vorderteil war bereits draußen, doch das Hinterteil wollte nicht durch die Katzentür. Mollig geraten wie er war steckte er fest, der Dachs!

Erbostes Grollen und Fauchen drang aus der Ecke. Mit bebendem dicken Hintern und tief in die Erde gegrabenen Hinterbeinen quetschte er sich durch… und „plopp“, wie ein Champagner-Korken drückte er sich aus dem Durchgang. Im Dunkel hinter dem Tor hörte ich ihn noch schimpfen und zetern, wahrscheinlich wahr er sauer, weil ich ihm seinen Mitternachtsimbiss verdorben hatte… sein beleidigtes Schnaufen war noch kurz zu hören, dann war er fort – und kam nie wieder.

Autor: © didoda

*****

Eigene Beiträge einreichen? Mailen Sie Texte und Bilder an feedback@tiergeschichten.de
Weitere Tiergeschichten gibt es hier: http://www.tiergeschichten.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2006/11/02/der-bandit/

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>