Dolly – Teil 9: Ich und die Großen

Hallo Dackelfreunde!
Diesmal wird es eine mehr philosophische Geschichte. Ich und die GROSSEN, 6 kg gegen 60 kg – ein heikles Thema, wobei die Gefühle meistens auf der Seite von uns Kleinen sind, obwohl wir auch ganz schöne Giftzwerge sein können; besonders wenn wir durch Fehlverhalten unserer Menschen uns stärker fühlen, als wir sind.

Durch die „Kampfhunde“-Diskussion der letzten Zeit hat sich unter den Menschen Verunsicherung uns Hunden gegenüber ausgebreitet. Wir Kleinen bekommen wenigstens noch einen Mitleidsbonus, aber die großen Kollegen haben ganz schön unter dieser Situation zu leiden. Während selbst das ernsthafte Drohen von uns Kleinen noch als niedlich empfunden wird, darf ein Großer nicht einmal gähnen; schon fühlen sich die Menschen von den MÄCHTIGEN KIEFERN DES UNGEHEUERS bedroht. Dabei sind die Großen oftmals anschmiegsamer und leichter lenkbar, als wir eigensinnigen Dackel. Nun ja, der Mensch hat uns nun einmal als Einzelkämpfer ge-züchtet, der auf eigene Pfote gestellt, im Fuchs- oder Dachsbau klarkommen muss; nur hat das natürlich auch Folgen für unser Leben als Familienhund. Doch jetzt bin ich über meinen eigenen Problemen vom Thema abgekommen.

Leider ist auch die Front der Hundefreunde gegenüber den Hundehassern zerbröckelt. Die Kleinen sind gegen die Großen, weil es vermeintlich umgekehrt der Fall ist. Häufig werden wir dann auch noch hochgenommen, um uns vor den BESTIEN zu beschützen. Dabei brauchen wir doch so dringend den Kontakt mit- und untereinander. Ich hatte auch schon begonnen, Große, die friedlich vorübergingen anzubellen. Das habe ich so gelernt, wenn wir mit der Dackelgruppe spazieren gehen. Dort machen es alle so. Doch meinen Eltern gefiel das gar nicht. Sie wollen, das ich gut sozialisiert sei; so nennen das die Menschen. Deshalb gingen sie mit mir auf die Hundewiese bei uns im Park, wo auf den ersten Blick nur Große zu sehen sind. (Mich zum Beispiel sieht man auch nicht, wenn ich da bin und im Gras hocke.) Die meisten Menschen mit Kleinen machen ängstlich einen Bogen darum. Dabei gibt es dazu gar keinen Grund. Alle die ich bis jetzt kennenlernte, waren lieb und nett und folgten ihrem Menschen meistens besser als ich.

Natürlich war es mir zu Anfang etwas mulmig, wenn so ein Großer auf mich zukam, um mich zu beschnuppern. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und möchte die Besuche auf der Hundewiese nicht mehr missen. Nur einmal geriet ich in Panik als sieben Große auf ein mal auf mich zustürzten. Aber da waren die Besitzer der Großen schnell da, riefen ihre BESTIEN zur Ordnung und überprüften besorgt, dass mir nichts passiert sei. Ich richte mich immer nach dem Rudelführer, meinem Vater. Er streckt fremden Großen die offene Hand hin und lässt sie zur Begrüßung schnuppern. Aus der Reaktion sehen wir dann, ob der Hund Kontakt will oder sich abwendet. Viele Riesen sind sehr liebebedürftig und wollen immer, dass mein Vater mit ihnen schmust und sie abklopft. Da kann ich dann auch eifersüchtig werden, aber als einfaches Rudelmitglied ist mir klar, dass ich mich nach dem LEITWOLF zu richten habe. Zu Anfang hatte ich einige Male versucht, einer andere Meinung als der CHEF zu haben, aber da wurde ich mit Schnauzengriff und Rückenwurf schnell in meine Schranken gewiesen. So habe ich gelernt auch auf der Straße ruhig und gelassen an jedem großen Kollegen vorbeizugehen, ohne ihn zu provozieren und anzukläffen. Nur MANCHMAL vergesse ich alles Gelernte.

Mittlerweile bin ich auch schon eine bekannte Persönlichkeit. Wenn ich auf der Hundewiese auftauche, kommen zuerst meine Bekannten, um mich zu begrüßen. Sind sie sehr groß, trollen sie sich bald wieder und spielen unter-einander, weil sie erkennen, dass mit mir – außer der Begrüßung – nichts anzufangen ist. Wenn sie untereinander spielen, das sieht und hört sich schon gefährlich an. Aber ich weiß ja, dass es nur Spaß ist. Dann habe ich meine speziellen Freunde von der mittleren Kategorie, so bis 15 kg. Mit denen kann ich richtige Kampf- und Rennspie-le veranstalten, wobei ich trotz meiner kurzen Pfoten nicht die Schlechteste bin. Auch habe ich eine eigene Kampftechnik entwickelt, bei der ich mich blitzschnell zur Seite rolle oder einen Purzelbaum schlage, so dass der Gegner ins Leere tappt. Bei Menschen, die das zum erstenmal sehen, ruft das immer große Verwunderung hervor. Ich bin dadurch sehr sportlich geworden. Mein Vater meint, dass das Training für meinen empfindlichen Rücken besser ist, als wenn ich überbehütet werde, weil ich dadurch kräftige Muskeln bekomme. Etwas ängst-lich ist manchmal meine Mama, wenn ich im WÜRGEGRIFF EINER BESTIE liege.

Wird es mir zuviel, springe ich auf die Steineinfassung, auf der die Menschen sitzen, ruhe mich aus und betrach-te mir das Ganze aus der Perspektive eines Großen. Das ist auch ganz interessant. Dann kommt noch der eine oder andere heran und sagt: „Schau mir in die Augen, Kleines!“, was ich dann bequem tun kann und zu frechen Rüden kann ich eins auf die Nase geben. Wenn ich mich ausgeruht habe geht es weiter.

Ich bedauere die Artgenossen, denen ihre Menschen aus Überängstlichkeit diese Lebensfreude verwehren. Wir sind nun einmal Lauftiere und wollen rennen und jagen. Vielleicht kommt der eine oder andere Mensch durch diese, meine Zeilen, dazu, seinen Kleinen auch diese Freude zu gönnen. Schließlich sind wir alle, ob groß oder klein, Wölfe.

Ein Jahr später:
Inzwischen habe ich eine große Abneigung gegen die Hundewiese gefasst, obwohl mir niemand etwas getan hat. Ich mag die Großen eben nicht mehr. Sie sind mir doch etwas unheimlich. Ich laufe einfach nicht weiter und setze mich hin. Da nehme ich auch in Kauf, dass mein Vater mit mir schimpft. Dann schleppe ich mich ein paar Schritte weiter und setze mich wieder. Doch inzwischen hat ihn mein trauriges Aussehen erweicht. Er zwingt mich nicht mehr auf die Hundewiese. Nun kann ich mich auch wieder freuen, wenn es in den Park geht. Mein Vater hat daraus gelernt, dass ein Hund eben keine programmierte Maschine ist und nicht immer logisch erklärt werden kann. Vielleicht ist in einem Jahr alles wieder ganz anders? Wer weiß?

Autor: Martin Eberhard Kamprad
info@kamprad.de     
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