Dolly – Teil 19: Das war’s

Hallo, Freunde meiner Geschichten. Aus dieser etwas resignierenden Überschrift erseht ihr schon, dass etwas Unwiderrufliches passiert ist: Ich wurde kastriert und das kam so.

Neulich, als mein Vater wieder einmal mit mir „Bauchchen“ (Für diejenigen, die die Dackelsprache nicht verstehen: … mir den Bauch streichelte, während ich auf dem Rücken lag und die Pfoten in die Luft streckte.) spielte, bemerkte er eine dicke Knulle unter meiner linken Pfote. Da ich schon einmal Lymphdrüsen-Schwellung hatte, vermutete er ein erneutes Auftreten und ging gleich am nächsten Tag mit mir zum Tierarzt. Es war aber Gesäugeschwellung. Mein Vater hatte nicht gewusst, dass die Gesäugeleiste so weit hinaufreicht und auch die unteren Zitzen waren angeschwollen.

Nun hatte mein Vater schon vor meiner Anschaffung das Hündinnenproblem mit dem Tierarzt besprochen und sich seiner Meinung angeschlossen, dass eine Kastration nur aus medizinischen Gründen zu vertreten ist. „Nun ist es soweit“, sagte der Tierarzt, „denn eine Gesäugeschwellung ist häufig der Ausgangspunkt für Tumore.“ Er rechnete noch den günstigsten Zeitpunkt von der Hormonlage her aus und der Termin wurde vereinbart. Der war aber erst in zwei Monaten, also genügend Zeit alles gründlich zu überdenken. Dann bekam ich noch Medizin gegen die Gesäugeschwellung, die auch gut geholfen hat.

Ich selbst bin über diese Entscheidung nicht so ganz traurig. Schließlich muss ich mich nicht mehr mit den lästigen Rüden während meiner HITZE herumärgern und für meine Menschen wird es auch einfacher mit der Sauberkeit, obwohl ich ganz ordentlich war. Ich habe immer alles abgeleckt und musste nur nachts das alberne Höschen tragen. Gegen die lästigen Rüden hatte ich auch einen Ausweg gefunden. Ich schlug einfach meinen Schwanz ein und setzte mich darauf. Da war alles Interessante weg und die Rüden konnten um mich herumspringen soviel sie wollten.

Nun muss ich erst noch in die Theorie abschweifen. Viele Menschen wenden nämlich die Begriffe Kastration und Sterilisation falsch an. Kastration ist die Entfernung der Keimdrüsen, wodurch auch der  S  e x u altrieb mit seinen Auswirkungen verschwindet, was ja bei mir erreicht werden soll. Sterilisation ist nur Unfruchtbarmachen, wobei der S e x u altrieb erhalten bleibt.

Am vereinbarten Tag waren meine Eltern schon früh ganz aufgeregt und ich bekam nichts zu fressen. Auf dem Weg zum Tierarzt erleichterte ich mich noch. Dort war es ungewöhnlich leer, weil heute ich die Hauptperson war. Ein Blutbild erübrigte sich. Das war erst vor kurzem bei der Entfernung einer Warze am Auge gemacht worden, wobei ich auch eine Narkose erhalten habe. Mein Vater setzte mich auf den Behandlungstisch und dann wurde eine Flexüle in meine Pfote gestochen. Au, das tat weh! Als ich mein Blut tropfen sah, wurde mir fast übel. Nun setzte der Arzt die Spritze an die Flexüle und mir wurde so weich und weit, ich flog davon in weite, weite Ferne …

Als ich erwachte, lag ich in einer kleinen Box. Zuerst wusste ich nicht, wo ich war, dann fiel es mir wieder ein. Richtig, ich war ja beim Tierarzt. Ich schüttelte mich, um die Schwere aus meinen Körper zu bekommen. In meinem Bauch ziepte es. Ich rollte mich zusammen und schaute an mir herunter. Potz Blitz und Wackeldackel! Mein schönes Fell war am Bauch abrasiert und das nicht etwa mit einer ordentlichen Kante, sondern mit mehr oder tiefen Absätzen. Man merkte, dass die Assistentin nicht oft einen Rasierapparat gebrauchte. In der Mitte der kahlen Stelle ein zehn Zentimeter langer Schnitt in meinem schönen Bauch, mit großen Stichen und Knoten zusammengenäht. Mir wurde schon vom Hingucken schlecht.

Langsam kehrte mein Tatendrang wieder. Da die Box offen war, kletterte ich heraus. Ich war im Nebenraum des Behandlungszimmers und erkundete schnuppernd die Umgebung. Bald kamen die Schwestern und staunten, dass ich schon wieder auf dem Beinen war. Aber so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen. Dann kam mein Vater, um mich abzuholen. Er hatte die Hundetasche mitgebracht und setzte mich hinein. Insgeheim war ich doch ganz froh, nicht mehr die Tapfere spielen zu müssen. Als ich lag, schlief ich auch wieder ein und erwachte erst wieder zu Hause in meinem Korb. Mein Vater hatte eine dieser grässlichen Tüten mitbekommen, die er mir um den Kopf machen sollte, wenn ich anfinge, die Wunde zu lecken. Schlau, wie ich bin, ersparte ich mir diese Prozedur. Aber mein Bauch tat so weh, ich mochte nicht fressen.

Am nächsten Morgen lag ich immer noch apathisch in meinem Körbchen und fraß nicht. Mein Vater rief beim Tierarzt an und der war sehr besorgt und wollte mich sehen, weil er eine Operationskomplikation befürchtete. Bei der Ankunft sagte er: „Na, wenn die wilde Dolly getragen wird, dann muss es ihr wirklich nicht gut gehen.“ Ich wurde untersucht, es war nichts. Der Tierarzt meinte, dass ich wahrscheinlich sehr schmerzempfindlich sei und gab mir noch eine Spritze gegen die Schmerzen. Auf dem Heimweg wurde mir schon wohler und zu Hause stürzte ich mich gleich auf meinen Napf. Nun musste mein Vater aufpassen, dass ich nicht zu wild umhersprang, solange die Wunde noch nicht verheilt war. Nach einer Woche ging es noch einmal zum Fädenziehen, aber das war nur ein kurzer Ruck, den ich kaum gemerkt habe.

Inzwischen sieht man schon fast gar nichts mehr von dem Schnitt und das Fell beginnt auch nachzuwachsen. Am Temperament und Eigensinn habe ich nichts eingebüßt und für meine Eltern bin ich weiter ein Hund, mit dem es nie langweilig wird, weil ich immer wieder etwas neues Eigensinniges in meinem Hundegemüt hervorbringe.

Autor: Martin Eberhard Kamprad

info@kamprad.de

http://www.kamprad-online.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2006/11/01/dolly-teil-19-das-wars/

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.