Advenia Pointelle

Schon 2. Advent, das Jahr ist fast vorbei. Dieser Sonntag ist ein besonderer Tag. Er hat mir ein Geschenk gebracht: ein verhungertes, kleines Katzenmädchen. Nicht älter als ein halbes Jahr wird sie sein. Ein Maigeborenes, das seinen ersten harten Winter erlebt. In unserer Garage hatte es Wärme und Schutz gegen den kalten Schneeregen und den eisigen Wind gesucht. Schmerzender Hunger und die Vorahnung eines kurzen Lebens hatten gesiegt über die Furcht vor fremder Umgebung, vor der dunklen, ungastlichen Deckung unter dem Auto, vor fremden Gerüchen, unbekannten Geräuschen. Ein einziger Ausweg nur: keine Angst zeigen! Sich finden, sich beruhigen, sich anfassen zu lassen von einem Menschen, von einem fremden Menschen.

Eins der sieben Leben hat zu diesem bedauernswerten Katzentier gesagt: “Wenn du Schritte hörst draußen im Flur, musst du schreien, so laut du kannst!“

Ja, sie hat es brav befolgt, die Findeldame. Siamgene scheinen ihr ein unüberhörbares Stimmvolumen vererbt zu haben. In kurzer Zeit hat sich eine Menge ereignet. Gutes im Unguten für Katz und Mensch. Drei große ‚h’ sind mein Motto: handeln, helfen, heilen! Wer das wohl alles wissen mag? Mit allem Katzennötigen bin ich ausgestattet durch meine eigenen vier felligen Lebensbegleiter. Das wusste die heimliche Prinzessin, Advenia Pointelle. So ist sie im tierärztlichen Computer namentlich eingetragen. Ein langer außergewöhnlicher Name für so ein kleines Fellgerippe. Ja, Advenia, weil sie am 2. Advent bei uns eingezogen ist. Pointelle, mein verfranzösiertes Kunstwort, für all die schwarzen Punkte auf ihren Flanken, die Mutter Natur gleichmäßig in hübschen Formen getupft hat.

Die Wirbelsäulenknochen stehen bedrohlich weit heraus, sind bei der leichtesten Streichelberührung wie harte, kleine, heraus ragende Hungerberge zu ertasten. Die schlanken, langen Beine halten diesen entkäfteten Körper immer noch mit einer unnahmlichen Würde.

Das zierliche, spitze, lange Gesicht mit dunkelrosa Nasenspiegel und schräg stehenden, bittenden Augen versetzen mich jedes Mal zurück in die Antike Ägyptens.

Sie ist eine Prinzessin, dachte ich, als ich zum ersten Mal die beiden parallel verlaufenden schwarzen Streifen auf ihrer schmalen, knochigen Brust sah. Die beiden Streifen sind Perlenketten aus schwarzen, selten zu finden Perlen. Ja, eine verwunschene Prinzessin ist sie. Nur eine echte Prinzessin trägt im harten Überlebenskampf diesen Stolz. Bietet mit hoch erhobenem Köpfchen dem Schicksal die Stirn. Zurecht hat sie ihren Namen verdient Advenia Pointelle!

Wieder zwei ‚h’: Heizung hoch stellen im Gästezimmer, im Katzengesundungszimmer! Mein Autositz braucht keinen Lammfellbezug! Zwei Hocker, nicht zu hoch, dienen als standsicherer Unterbau für den Prinzessinnenthron. Im aufgeklappten Unterschlupf aus Korbgeflecht hat sie rechts und links wärmende Anlehnkissen.

Das Fieber muss runter! 40,7 Grad und dauernder Durchfall sind zusätzliche Belastung für diesen ausgemergelten Körper. Sie wird es schaffen. Ich fühle es, wenn ich alle 2 Stunden Futter bringe. Ich spüre es, wenn ich meine Hände um den Körper lege, meine Energie in sie einfließen lasse, meine Liebe dem Leben zum Leben gebe. Advenia Pointelle dankt es mir mit ihrem Vertrauen, schon nach so kurzer Zeit, mit ihrem leisen Schnurren.

Nur eine Frage bleibt noch zu beantworten. Die meines zweibeinigen Katzenmannes: wie eng wir ab nächster Woche im Bett zusammen rücken müssen? Und: wie groß unsere Überredungskraft sein muss, kätzische Eifersucht im Zaum zu halten, wenn Prinzessin Advenia Pointelle aus ihrer Isolation im Gästezimmer in der ‚richtigen’ großen, hellen, warmen Wohnung Einzug hält?

Ich spüre es, sie wird es schaffen! Schnurren wird sie, einschmeichelnd ihr Köpfchen an meinen Beinen reiben. Angstfrei wird sie mit kleinen Bocksprüngen Streicheleinheiten erbetteln. Ihr unwiderstehlicher Blick aus hellsandfarben geränderten Augen wird unseren drei Katern entgegen leuchten. Ein verschwörerisches Zwinkern wird sie unserer schwarzweißen Persermixdame Babajaga schenken. Mit jedem Tag wird der kleine Körper gesunden, das Gewicht von nur 2,6 Kilo wird in Vergessenheit geraten sein. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ihr dunkelgraues Fell wird in der Sonne glänzen, im nächsten Sommer. Unsere Hände werden sie streicheln auf dem durchgehend schwarzen Streifen über ihrem Rücken, der bis in die Schwanzspitze verläuft.

Das Katzenparadies, unseren großen Garten, wird sie zusammen mit unseren Vieren erobern. Sie wird die einzige sein, die jedes Jahr am 2. Advent ihren Geburtstag ein zweites Mal feiert. Ihren ersten Geburtstag werde ich auf den 5.5. legen, weil sie die Fünfte im Bunde ist.

Sie wird freudig nach Hause gelaufen kommen, wenn ich draußen auf der Terrasse: „Venia!“ rufe. Venia, die liebevolle Abkürzung, die sich von der Vokalfolge der anderen Katzennamen deutlich absetzt und keine Verwirrung stiftet.

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© JO / 61205

Autor: Henriette Jorjan
jopat@freenet.de
http://www.jorjan.de

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